Der Denker von Auguste Rodin
Die Figur, die heute unter dem Titel Der Denker bekannt ist, stand nicht von Anfang an für sich allein. Auguste Rodin (1840–1917) entwarf sie 1880 als Element einer weit größeren Arbeit: der Höllenpforte, einer Bronzetür nach Motiven aus Dantes Göttlicher Komödie. Der französische Staat hatte das Werk für ein geplantes Pariser Museum für dekorative Kunst in Auftrag gegeben. Im Bogenfeld über dem mittleren Türsturz saß eine männliche Gestalt, nach vorn gebeugt, die rechte Hand unter dem Kinn – ursprünglich als Dichter gedacht, der auf die Verdammten unter ihm herabblickt. In dieser Funktion trug die Figur zunächst den Titel Der Dichter und wurde als Darstellung Dantes verstanden.
Aus dem Türrelief zur Einzelplastik
Zwischen 1880 und 1888 löste sich die Gestalt zunehmend aus ihrem narrativen Zusammenhang. 1884 goss eine Pariser Werkstatt eine eigenständige Fassung in Halbmasshöhe von etwa 72 cm. Ohne die umgebenden Figuren der Höllenpforte verlor der Bezug zu Dante an Gewicht. Rodin selbst begann, in Briefen nicht mehr vom Poète, sondern vom Penseur zu sprechen. Die Entscheidung zugunsten des neuen Titels ist in Gesprächen mit dem Kunstkritiker Gustave Coquiot bezeugt; sie wurde 1888 auf einer Ausstellung in Kopenhagen öffentlich sichtbar, als die Plastik dort erstmals ohne Türprogramm gezeigt wurde.
Die endgültige, monumentale Fassung entstand 1903 bis 1904 in der Gießerei Alexis Rudier. Sie erreicht eine Höhe von 1,89 m und wiegt etwa anderthalb Tonnen. 1906 stellte der französische Staat dieses Exemplar auf hohem Sockel vor dem Panthéon in Paris auf – in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Gräbern Voltaires und Rousseaus. Erst damit verfestigte sich öffentlich die Lesart, die Figur stehe für das Nachdenken an sich und nicht für eine bestimmte literarische Szene.
Material, Abmessungen, Patina
Die bekannte monumentale Ausführung ist aus Bronze im Wachsausschmelzverfahren gegossen. Kleinere Fassungen in Plaster und in Terrakotta sind als Studien und Modelle überliefert. Die gipserne Variante, die heute im Metropolitan Museum aufbewahrt wird, stammt aus einer Werkstattphase von 1904 und zeigt, wie Rodin Licht und Schatten am Oberkörper prüfte, bevor der Bronzeguss in Auftrag ging.
Rodin achtete persönlich auf die Patina. Er bevorzugte ein dunkles Grün-Braun, das die Muskelpartien des Oberkörpers und des linken Oberschenkels hervortrat; flache Bereiche erhielten einen helleren, warm-bräunlichen Ton. Diese Farbführung ist an mehreren frühen Güssen noch ablesbar, an späteren, nach 1917 angefertigten Exemplaren oft abgewandelt.
Die Gussserie nach 1917
Rodins Testament vom Oktober 1916 übertrug dem französischen Staat das Recht, nach seinem Tod weitere Exemplare anfertigen zu lassen. Seither entstand eine geordnete Reihe autorisierter Güsse mit der von Rodin vorgesehenen numerischen Begrenzung. Für die monumentale Fassung des Denkers werden insgesamt 25 Exemplare gezählt, die in öffentlichen Sammlungen und einigen Privatsammlungen verwahrt werden. Bedeutende Aufstellungsorte sind das Musée Rodin in Paris, das Rodin Museum in Philadelphia, die Ny Carlsberg Glyptotek in Kopenhagen und die Stiftung Kunsthaus Zürich.
Neben der monumentalen Variante existiert eine bedeutend kleinere Fassung von etwa 70 cm Höhe, die häufig als erste Einzelausführung beschrieben wird. Sie wird in Museumsbeständen unter der Bezeichnung Le Penseur, petit modèle geführt und bildet die Brücke zur ursprünglichen Position auf der Höllenpforte.
Ikonografie und Lesart
Die Gestalt sitzt auf einem Felsblock, das rechte Ellbogengelenk ruht auf dem linken Oberschenkel, die rechte Hand stützt das Kinn. Die Haltung verschiebt das Körpergewicht nach vorn und drückt die Muskulatur des Bauchs und der Oberschenkel zusammen. Rodin wählte diese Anspannung bewusst gegen die Vorstellung eines entrückten, körperlosen Nachdenkens: Das Denken arbeitet bei ihm mit dem Körper, nicht gegen ihn.
Die Anlehnung an Vorbilder aus der italienischen Renaissance ist dokumentiert. Rodin bezog sich wiederholt auf Michelangelos sitzende Figuren der Medici-Kapelle, insbesondere auf den Lorenzo il Pensieroso. Auch das Fragment des Belvederischen Torso aus den Vatikanischen Museen, das die angespannte Sitzhaltung eines Heros vorwegnimmt, gehört zu seinen frühen Zeichenstudien. Der Unterschied zu diesen Vorlagen liegt im Gesicht: Rodin verzichtet auf die klassische Idealisierung und gibt seiner Figur gesenkte Brauen, schmale Lippen und eine nach innen gewandte Augenpartie.
Rezeption im 20. Jahrhundert
Die Figur wurde früh zum Sinnbild intellektueller Tätigkeit. In Flugblättern, Buchumschlägen und Plakatkompositionen der Jahrhundertwende erscheint ihr Umriss als Zeichen geistiger Arbeit. Im Ersten Weltkrieg druckten französische Zeitungen Karikaturen, die den Denker als Metapher für europäische Zivilisation gegenüber ihrer Zerstörung verwendeten; in der Zwischenkriegszeit griffen Satirezeitschriften beider politischen Lager den Umriss auf.
Die Wirkung reichte über die bildende Kunst hinaus. Sigmund Freud erwähnte die Figur in einem Brief an Wilhelm Fliess als Beispiel für eine Pose, in der Körper und Denken nicht getrennt erscheinen. Thomas Mann griff die Ikonografie in der frühen Fassung des Zauberbergs auf, als er Hans Castorp beim langen Nachdenken im Liegestuhl beschreibt. Aus solchen Bezügen erklärt sich, warum der Denker in deutschen Schulbüchern des 20. Jahrhunderts regelmäßig ohne erklärende Bildlegende abgedruckt wurde: Die Rezeption hatte die Figur schon vorweggenommen.
Verwandte Werke Rodins
Die Höllenpforte, aus der der Denker hervorging, blieb bei Rodins Tod unvollendet und wurde erst posthum, zwischen 1926 und 1928, erstmals gegossen. Aus demselben Figurenbestand stammen mehrere weitere Einzelarbeiten, die als eigenständige Skulpturen ein langes Leben geführt haben – darunter Adam (Entwurf 1880, Guss 1910) und die weiblichen Gestalten der Drei Schatten. Unabhängig vom Dante-Zusammenhang führte Rodin weitere Themen durch, deren Entstehung in die gleiche Werkphase fällt: Die Bürger von Calais (Modell 1884–1895, spätere Güsse bis 1985) und das monumentale Balzac-Denkmal (1891–1898), an dessen endgültiger Fassung er zehn Jahre arbeitete. Wer sich mit dem Denker beschäftigt, findet in diesen Nachbarwerken die Arbeitsweise ihres Urhebers dokumentiert: das Tasten an einer einzigen Haltung über Jahre, das Verschieben eines Körperteils, bis Spannung und Last stimmen.
Quellen und Nachweise
- Albert E. Elsen, Rodin's Thinker and the Dilemmas of Modern Public Sculpture, Yale University Press 1985.
- Antoinette Le Normand-Romain, Rodin, Editions du Chêne, Paris 2009.
- Catherine Lampert, Rodin. Sculpture and Drawings, Yale University Press 1986.
- Bestandskataloge: Musée Rodin, Paris; The Metropolitan Museum of Art, New York; Rodin Museum, Philadelphia.
Abbildungen im Überblick
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The Thinker, Auguste Rodin, modeled ca. 1880, cast ca. 1910, Bronze. Metropolitan Museum of Art, New York, NY. Abbildung: The Metropolitan Museum of Art, New York, CC0. -
The Thinker (Le Penseur), Auguste Rodin, 1904, Plaster. Metropolitan Museum of Art, New York, NY. Abbildung: The Metropolitan Museum of Art, New York, CC0. -
Adam, Auguste Rodin, modeled 1880 or 1881, cast 1910, Bronze. Metropolitan Museum of Art, New York, NY. Abbildung: The Metropolitan Museum of Art, New York, CC0. -
The Burghers of Calais, Auguste Rodin, modeled 1884–95, cast 1985, Bronze. Metropolitan Museum of Art, New York, NY. Abbildung: The Metropolitan Museum of Art, New York, CC0. -
Honoré de Balzac, Auguste Rodin, 1891, Terracotta. Metropolitan Museum of Art, New York, NY. Abbildung: The Metropolitan Museum of Art, New York, CC0.