Antonio Canova

Antonio Canova (1757–1822) war ein italienischer Bildhauer, der die klassizistische Formensprache des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts maßgeblich prägte. Sein Wirken konzentrierte sich auf Rom, von wo aus er Aufträge für die europäischen Höfe und den Vatikan ausführte. Er arbeitete primär in weißem Marmor, wobei er die Oberflächenbeschaffenheit durch spezifische Poliertechniken variierte.

Sein Stil zeichnet sich durch eine Idealisierung der antiken Form aus, die jedoch durch eine neue Sensibilität für die Physiognomie und die psychologische Präsenz der Figuren ergänzt wurde. Canova agierte als zentraler Akteur im internationalen Kunstmarkt seiner Zeit. Er verband die strengen Regeln der griechischen Antike mit einer neuen, empfindsamen Ästhetik, die den Übergang zur Romantik vorbereitete.

Lebenslauf

Antonio Canova wurde am 1. November 1757 in Possagno bei Treviso geboren. Seine künstlerische Ausbildung begann er in Venedig unter der Anleitung von Giuseppe Bernardi-Torretti. Nach Abschluss der Lehre suchte er nach neuen Perspektiven im Zentrum der klassischen Tradition. Im Jahr 1779 übersiedelte er nach Rom.

In Italien etablierte er sich rasch als führender Bildhauer. Er wurde zu einem geschätzten Mitglied der römischen Kunstszene. Von 1814 bis 1822 bekleidete er das Amt des ersten Präsidenten der Accademia di San Luca. Diese Position unterstrich seinen Status innerhalb der akademischen Hierarchie. Canova starb am 13. Oktober 1822 in Venedig.

Skulptur von Antonio Canova
(Treviso) Busto di Antonio Canova - Luigi Zandomeneghi - Treviso, Museo Civico, Didier Descouens, Taken on 9 May 2024. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.

Werkstatt und Auftraggeber

Canova betrieb seine Werkstatt in der Via delle Colonnette in Rom. Die Produktion war auf einen hohen Ausstoß ausgelegt, da die Nachfrage international war. Zur Zeit des Höhepunkts seiner Tätigkeit beschäftigte er bis zu 60 Mitarbeiter in seinem Atelier. Diese Assistenten übernahmen die Vorbereitung der Blöcke und die Ausführung von weniger komplexen Passagen.

Die Liste der Auftraggeber umfasst die einflussreichsten Akteure der europäischen Politik. Die päpstliche Familie Braschi sowie die Familie Borghese gaben zahlreiche Werke in Auftrag. Zwischen 1802 und 1815 arbeitete Canova für Napoleon Bonaparte, wobei er dessen Herrschaft durch monumentale Bildnisse legitimierte. Nach dem Sturz Napoleons wandte er sich den Aufträgen des Wiener Kongresses zu. Auch aus Russland kamen bedeutende Anfragen, etwa von Zarin Maria Fjodorowna.

Stilentwicklung

Die Frühphase Canovas zeigt noch starke Einflüsse der venezianischen Tradition und einer frühen Auseinandersetzung mit antiken Mythen. Das Werk Daedalus und Ikarus (1779, Museo Correr Venedig) dient als Beispiel für diese Phase. Mit dem Aufenthalt in Rom entwickelte er eine eigenständige klassizistische Formsprache. Theseus mit dem toten Minotaurus (1781–83, V&A London Inv. A.5-1962) demonstriert die Verbindung von körperlicher Kraft und kompositorischer Strenge.

In der mittleren Phase erreichte seine Behandlung der Oberflächen eine neue Differenzierung. Amor und Psyche (1788–93, Louvre Inv. RF 4391) zeigt die Fähigkeit, komplexe, ineinander verschlungene Körpergruppen in Marmor zu fassen. Die Reifezeit zwischen 1800 und 1815 ist durch monumentale Porträts und heroische Darstellungen geprägt. Napoleon als Mars Pacificus (1803–06, Apsley House London) und Pauline Borghese als Venus Victrix (1804–08, Galleria Borghese Rom) gehören zu diesem Zyklus.

Das Spätwerk weist eine Tendenz zu einer weicheren, fast lyrischen Formgebung auf. Die Drei Grazien (1815–17, Hermitage Inv. H.scH 769 / V&A A.4-1994) zeigen diese Entwicklung durch die fließenden Übergänge der Gliedmaßen und eine reduzierte Linienführung.

Hauptwerke

Theseus mit dem toten Minotaurus (1781–83), Marmor, V&A London Inv. A.5-1962. Amor und Psyche (1788–93), Marmor, Louvre Inv. RF 4391. Hebe (1795–1817), vier Versionen in Berlin, St. Petersburg, Lissabon und weiteren Standorten. Pauline Borghese (1804–08), Marmor, Galleria Borghese Rom, Inv. CC. Drei Grazien (1815–17), Marmor, Hermitage Inv. H.scH 769.

Bringung der Beutekunst

Nach dem Wiener Kongress im Jahr 1815 übernahm Canova eine diplomatische Funktion. Er agierte als Kardinal-Verhandler mit dem Ziel, die während der napoleonischen Ära aus dem Louvre nach Rom verbrachten Kunstwerke zurückzuführen. Diese Mission war ein zentraler Vorgang der europäischen Kunstpolitik.

Canova führte Verhandlungen mit dem britischen Feldmarschall Wellington und dem Staatsmann Castlereagh. Er setzte sich für die Restitution der Vatikan-Bestände ein. Durch seine Bemühungen gelang die Rückführung des Apoll vom Belvedere, der Laokoon-Gruppe und weiterer bedeutender Skulpturen in den Besitz des Papstes. Dieser Vorgang gilt in der Kunstgeschichte als ein Präzedenzfall für spätere Restitutionsverhandlungen.

Rezeption und Forschung

Die zeitgenössische Wahrnehmung Canovas wurde maßgeblich durch Antoine-Chrysostome Quatremere de Quincy dokumentiert. Sein Werk Canova et ses ouvrages (Paris 1834) bildet eine primäre Quelle für das Verständnis der Produktion und der Werkstattorganisation. Mario Praz beschreibt in Antonio Canova (Mailand 1957) die ästhetische Wirkung seiner Arbeiten auf das europäische Empfinden.

Die moderne Forschung hat die Komplexität seiner Werkstatt und die Bedeutung seiner Oberflächenbehandlung präzisiert. Hugh Honour liefert in Canova: Sculptor of the Romantic Age (1972, dt. 1991) eine detaillierte Analyse der stilistischen Übergänge zwischen Klassizismus und Romantik. Für eine systematische Erfassung aller bekannten Arbeiten ist das Werkverzeichnis von Giuseppe Pavanello, L'opera completa del Canova (Mailand 1976), maßgeblich.

Eine Restaurierung der Pauline Borghese in den 1990er Jahren untersuchte die chemische Zusammensetzung der Wachsschichten auf dem Carrara-Marmor.

Abbildungen

  • Skulptur von Antonio Canova
    (Treviso) Busto di Antonio Canova - Luigi Zandomeneghi - Treviso, Museo Civico, <a href="//commons.wikimedia.org/wiki/User:Archaeodontosaurus" title="User:Archaeodontosaurus">Didier Descouens</a>, Taken on 9 May 2024. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
  • Skulptur von Antonio Canova
    (Venice) Creugas by Antonio Canova - Gallerie Accademia, <a href="//commons.wikimedia.org/wiki/User:Archaeodontosaurus" title="User:Archaeodontosaurus">Didier Descouens</a>, Taken on 4 November 2016. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons,
  • Skulptur von Antonio Canova
    (Venice) Dedalo e Icaro by Antonio Canova - Museo Correr, <a href="//commons.wikimedia.org/wiki/User:Archaeodontosaurus" title="User:Archaeodontosaurus">Didier Descouens</a>, Taken on 4 November 2016. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons,
  • Skulptur von Antonio Canova
    (Venice) Dedalo e Icaro by Antonio Canova - Museo Correr 2, <a href="//commons.wikimedia.org/wiki/User:Archaeodontosaurus" title="User:Archaeodontosaurus">Didier Descouens</a>, Taken on 4 November 2016. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons,
  • Skulptur von Antonio Canova
    (Venice) Ecuba e le donne troiane offrono il peplo a pallade - Antonio Canova - Museo Correr, <a href="//commons.wikimedia.org/wiki/User:Archaeodontosaurus" title="User:Archaeodontosaurus">Didier Descouens</a>, Taken on 11 May 2023. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons,
  • Skulptur von Antonio Canova
    (Venice) Eurydice by Antonio Canova - Museo Correr, <a href="//commons.wikimedia.org/wiki/User:Archaeodontosaurus" title="User:Archaeodontosaurus">Didier Descouens</a>, Taken on 4 November 2016. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons,

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