Bertel Thorvaldsen

Bertel Thorvaldsen (1770–1844) war der bedeutendste dänische Bildhauer des 19. Jahrhunderts. Er verbrachte fast seine gesamte künstlerische Wirkungszeit in Italien, was eine kunsthistorisch ungewöhnliche Lebensphase darstellt. Während er in Kopenhagen geboren wurde, entwickelte er seinen Stil und seine Werkstatt in Rom.

Sein Œuvre umfasst sowohl monumentale Marmorskulpturen als auch Porträts und religiöse Arbeiten. Er war eine zentrale Figur des Neoklassizismus. Sein Einfluss erstreckte sich über ganz Europa, da er für die wichtigsten europäischen Höfe arbeitete.

Lebenslauf

Bertel Thorvaldsen wurde am 19. November 1770 in Kopenhagen geboren. Sein Vater war ein isländischer Schiffsbauer. Der junge Thorvaldsen begann seine Ausbildung an der Königlich Dänischen Kunstakademie. Im Jahr 1797 erhielt er ein Romstipendium, welches den entscheidenden Wendepunkt seiner Biografie markierte.

Er verblieb bis 1838 in Rom. Diese vierzigjährige Arbeitsphase in Italien prägte sein gesamtes Schaffen. Erst im Jahr 1838 kehrte er nach Kopenhagen zurück. Dort lebte er bis zu seinem Tod am 24. März 1844.

Skulptur
3 Gratier - Graces, Saksak, 2023-02-17. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.

Werkstatt in Rom

Die Werkstatt befand sich in der Nähe des Piazza Barberini im Vicolo dei Greci, im Gebäude Casa Buti. Thorvaldsen organisierte seinen Betrieb nach dem Vorbild Antonio Canovas. Er leitete eine große Pointer-Werkstatt, die die Produktion von Marmorkopien und Originalen ermöglichte.

Zum Zeitpunkt des künstlerischen Höhepunkts beschäftigte er bis zu 40 Mitarbeiter. Diese Arbeitsstruktur erlaubte die Bearbeitung zahlreicher internationaler Aufträge. Zu seinen Hauptkunden gehörten der Wiener Hof sowie der bayerische Hof unter Ludwig I. Auch der russische Adel und die polnische Aristokratie bestellten Werke in seiner Werkstatt.

Stilentwicklung

Die stilistische Entwicklung lässt sich in drei Phasen unterteilen. Die erste Phase ist die frühklassische Periode. In dieser Zeit entstand Jason mit dem Goldenen Vlies (1803–1828), welches den Übergang zum strengen Klassizismus markiert.

Die zweite Phase stellt die reife, antikenrezeptive Phase dar. Hier arbeitet der Künstler mit einer klaren Formensprache, wie sie im Alexander-Fries (1812) oder in Ganymed mit dem Adler (1817) sichtbar wird. Die Kompositionen orientieren sich eng an antiken Vorbildern.

Die dritte Phase umfasst das Spätwerk. In dieser Zeit nutzt Thorvaldsen eine verstärkt christliche Ikonografie. Ein Beispiel hierfür sind die Arbeiten für die Frauenkirche in Kopenhagen, wie Christus und die Apostel (1820–1839).

Hauptwerke

Jason mit dem Goldenen Vlies gilt als sein bekanntestes Werk. Das Originalmodell entstand 1803, die endgültige Marmorausführung erfolgte erst im Jahr 1828. Die Skulptur befindet sich heute im Thorvaldsens Museum in Kopenhagen unter der Inventarnummer A52.

Der Alexander-Fries (1812) für den Quirinalspalast in Rom umfasst ein Marmorrelief mit einer Länge von 35 Metern. Ein weiteres bedeutendes Werk ist Ganymed mit dem Adler (1817), das im Thorvaldsens Museum unter der Inventarnummer A45 aufbewahrt wird.

Zwischen 1819 und 1821 schuf er die Löwenstatue Luzern. Dieses Denkmal erinnert an die Schweizer Garde während der Französischen Revolution.

Thorvaldsens Museum in Kopenhagen

Das Thorvaldsens Museum wurde 1848 eröffnet. Die Eröffnung fand vier Jahre nach dem Tod des Künstlers statt. Der Architekt Michael Gottlieb Bindesboell entwarf das Gebäude. Es handelt sich um das erste monografische Bildhauermuseum Europas.

Die Institution basiert auf einer Stiftung aus dem Jahr 1838. Das Museum beherbergt fast alle Modelle und Originalwerke des Künstlers. Die Adresse lautet Bertel Thorvaldsens Plads 2, Kopenhagen. Laut Margrethe Floryan (2011, Thorvaldsens Museum Bestandskatalog) bildet die Sammlung die Grundlage für das Verständnis seiner Werkstattorganisation.

Rezeption und Werkverzeichnis

Die frühe Forschung dokumentierte das Leben des Bildhauers in der Monografie Eugene Plons (Thorvaldsen, sa vie et son oeuvre, Paris 1867). Ein umfassendes Werkverzeichnis wurde von H. von Donop veröffentlicht (Bertel Thorvaldsen, 1933).

Die moderne Forschung konzentriert sich verstärkt auf die Porträtkunst des Künstlers. Else Kai Sass lieferte hierzu mit ihrer dreibändigen Studie Thorvaldsen som portraitkunstner (Kopenhagen 1965–67) eine maßgebliche Grundlage. Die wissenschaftliche Aufarbeitung seiner Werkstattprozesse bleibt ein zentrales Thema der dänischen Kunstgeschichte.

Abbildungen

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