Henry Moore

Henry Moore (1898–1986) war ein britischer Bildhauer, dessen Œuvre die Entwicklung der abstrakten Skulptur im 20. Jahrhundert maßgeblich beeinflusste. Sein Schaffen konzentriert sich auf organische Formen, die häufig eine enge Verbindung zur Landschaft und zum menschlichen Körper aufweisen. Die Arbeit umfasst Steinmetzarbeiten, Holzschnitzereien sowie großformatige Bronzegüsse. Moore entwickelte eine Formensprache, die durch die Integration von Durchbrüchen und Hohlräumen geprägt ist.

Sein künstlerischer Fokus liegt auf der Untersuchung des Verhältnisses zwischen Innen- und Außenraum. Er arbeitete über sechs Jahrzehnte hinweg an einer Vielzahl von Skulpturen, wobei die Liegegestalt als zentrales Motiv fungierte. Die Produktion seiner Werke erfolgte in verschiedenen Phasen, die von der direkten Materialbearbeitung bis zur monumentalen Bronzeplastik reichen.

Lebenslauf

Henry Moore wurde am 30. Juli 1898 in Castleford, Yorkshire, geboren. Sein Vater arbeitete als Bergmann. Während des Ersten Weltkriegs diente Moore von 1917 bis 1919 als Infanterist. Bei Kämpfen an Cambrai erlitt er eine Gas-Verletzung, die seinen weiteren Lebensweg beeinflusste. Nach dem Krieg begann er 1919 ein Studium an der Leeds School of Art, welches er 1921 abschloss. Im Anschluss folgte eine Ausbildung am Royal College of Art in London, die er 1925 beendete.

Im Jahr 1925 reiste Moore nach Italien. Diese Reise ermöglichte ihm die direkte Auseinandersetzung mit der klassischen Antike und der Renaissance-Bildhauerei. Er studierte die archaischen Formen und die plastische Qualität antiker Fragmente. Moore verstarb am 31. August 1986 in Much Hadham, Hertfordshire. Seine letzte Ruhestätte fand er in St. Thomas's, Perry Green.

Skulptur von Henry Moore
Head of Henry Moore sculpture 1, JulieMay54, 2019-03-22. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.

Werkstatt Hoglands

Nach einem Bombenangriff auf sein Londoner Atelier zog Moore ab 1940 nach Perry Green in Hertfordshire. Dort errichtete er die Werkstatt Hoglands. Das Gelände umfasst mehrere Gebäude innerhalb eines Gartens, die für die Produktion und Lagerung der Skulpturen genutzt wurden. Die räumliche Trennung von Wohnhaus und Arbeitsstätten erlaubte eine kontinuierliche Arbeit an großformatigen Objekten.

Die Werkstatt diente auch als Ort der Ausbildung. In den Jahren 1951 bis 1953 arbeitete Anthony Caro als Assistent in der Werkstatt. Auch Phillip King war in diesem Umfeld tätig. Heute wird das Gelände als Henry Moore Foundation geführt. Der dortige Ausstellungspark beherbergt über 35 Skulpturen im Freien. Die Stiftung fungiert als zentraler Forschungs- und Besuchsort für sein Werk.

Stilentwicklung

Moores künstlerische Entwicklung gliedert sich in drei Phasen. Die erste Phase, die etwa von 1925 bis 1939 reichte, war durch die Methode des direct carving (Direktbearbeitung) gekennzeichnet. Er arbeitete hierbei primär in Stein und Holz. Die Recumbent Figure aus dem Jahr 1929 gilt als seine erste durchbrochene Skulptur. Diese Entwicklung der Durchbrechung verläuft parallel zur Arbeit von Barbara Hepworth, wobei Hepworth mit Pierced Form (1931) eine eigenständige Entwicklung vollzog.

Während des Zweiten Weltkriegs, zwischen 1940 und 1942, konzentrierte sich Moore auf Zeichnungen. Seine Shelter Drawings, die in den U-Bahn-Schutzräumen entstanden, dokumentierten das Leben der Zivilbevölkerung während der Luftangriffe auf London. Diese Phase bildete eine Brücke zwischen der frühen Materialstudie und der späteren Monumentalität.

Die Nachkriegszeit markiert die dritte Phase. Ab 1945 setzte Moore verstärkt auf den Bronzeguss. Er schuf monumentale Skulpturen für den öffentlichen Raum. Die Arbeiten dieser Zeit zeichnen sich durch eine großmaßstäbliche Präsenz aus, wobei die Verbindung zwischen organischer Form und architektonischem Kontext zunimmt.

Reclining-Figure-Reihe

Seit 1929 bildet die Reclining Figure (Liegegestalt) das Hauptthema seines Schaffens. Moore produzierte in einem Zeitraum von 60 Jahren über 50 Versionen dieses Motivs. Die Skulpturen untersuchen die Transformation des menschlichen Körpers in eine Landschaftsform. Die Durchbrechung des Volumens ermöglicht es dem Betrachter, den Raum durch die Skulptur hindurch wahrzunehmen.

Wichtige Beispiele dieser Reihe sind die Recumbent Figure von 1938, die aus Hopton Wood Stone gefertigt wurde und sich in der Tate (Inv. T00387) befindet. Eine weitere Version aus dem Jahr 1939 besteht aus Buchenholz und ist in Detroit aufbewahrt. Für das Festival of Britain im Jahr 1951 schuf er eine bronzene Reclining Figure. Ab 1953 variierte Moore verstärkt die Konzepte von internal/external form (Innen- und Außenform), um die Spannung zwischen dem Kern der Skulptur und ihrer Oberfläche zu untersuchen.

Hauptwerke und öffentliche Skulpturen

Das Werk umfasst zahlreiche bedeutende Einzelobjekte und Gruppenplastiken. Die Recumbent Figure (1938, Stein, Tate) gehört zu den frühen Referenzpunkten seiner Formensprache. Die bronzene Reclining Figure (1951) wurde im Rahmen des Festival of Britain an der South Bank aufgestellt. Eine weitere wichtige Gruppe ist die Family Group (1948–49, Bronze), die in Stevenage platziert wurde.

Im Jahr 1952/53 schuf er die Bronzeskulptur King and Queen. Ein monumentales Werk ist die Reclining Figure (1957–58) vor der UNESCO in Paris. Diese Skulptur besteht aus Travertin und weist eine Höhe von 5,5 m auf. In den USA befindet sich das Atom Piece (1964–65, Bronze) an der University of Chicago. Die Platzierung ist historisch bedeutsam, da die Skulptur am Ort der ersten selbsttragenden Kernreaktion von 1942 steht. Eine weitere bedeutende Bronze ist Locking Piece (1962), die sich in der Sammlung der Tate befindet (Inv. T01113).

Rezeption und Werkverzeichnis

Die wissenschaftliche Erfassung des Werkes erfolgt über mehrere Quellen. Ein wesentliches Verzeichnis ist das von David Mitchinson veröffentlichte Henry Moore: Sculpture (London, 1981), welches regelmäßig aktualisiert wurde. Will Grohmann lieferte mit The Art of Henry Moore (London, 1960) eine frühe systematische Aufarbeitung.

Die Henry Moore Foundation in Perry Green verwaltet seit 1977 das Archiv und das Werkverzeichnis. Für die Untersuchung der frühen Phase ist das Werk von Penelope Curtis, Sculpture 1900-1945 (Oxford, 1999), maßgeblich. Die Forschung unterscheidet zwischen den verschiedenen Produktionsmethoden und den Auswirkungen der Materialwahl auf die räumliche Wirkung der Skulpturen.

Die Henry Moore Foundation führt kontinuierlich Bestandsaufnahmen der im Bestand befindlichen Güsse durch.

Abbildungen

  • Skulptur von Henry Moore
    Head of Henry Moore sculpture 1, <a href="//commons.wikimedia.org/w/index.php?title=User:JulieMay54&amp;action=edit&amp;redlink=1" class="new" title="User:JulieMay54 (page does not exist)">JulieMay54</a>, 2019-03-22. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
  • Skulptur von Henry Moore
    Head of Henry Moore sculpture 2, <a href="//commons.wikimedia.org/w/index.php?title=User:JulieMay54&amp;action=edit&amp;redlink=1" class="new" title="User:JulieMay54 (page does not exist)">JulieMay54</a>, 2019-03-22. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
  • Skulptur von Henry Moore
    Henry Moore-Reclining Figure-Tel Aviv Museum of Art, <a href="//commons.wikimedia.org/wiki/User:Yair-haklai" title="User:Yair-haklai">Yair Haklai</a>, 2007. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0.
  • Skulptur von Henry Moore
    Henry Moore Foundation - panoramio - Jynto, <a rel="nofollow" class="external text" href="https://web.archive.org/web/20161011153509/http://www.panoramio.com/user/1524339?with_photo_id=8704426">Jynto</a>, Taken on 22 July 2007. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY 3.0.

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