Die Bildhauerei des Klassizismus
Die europäische Bildhauerei vollzieht zwischen ca. 1760 und 1830 einen Paradigmenwechsel weg vom dekorativen Pathos des Rokoko hin zu einer strengen Formensprache. Dieser Stil orientiert sich an der griechischen Antike. Die Bildhauer suchen nach idealisierten Proportionen und einer Reduktion der Oberflächenspannung. Rom bildet das Zentrum dieser Bewegung, während nationale Schulen in Paris, Berlin und London die regionalen Ausprägungen prägen.
Die Produktion erfolgt primär in großen Werkstätten. Diese Betriebe arbeiten nach standardisierten Verfahren, um den hohen Bedarf internationaler Auftraggeber zu decken. Die Bildhauerei des Klassizismus ist somit ein transnationales Phänomen, das durch eine gemeinsame theoretische Basis und eine vereinheitlichte Materialwahl definiert wird.
Zeitraum und kunsttheoretische Grundlage
Die zeitliche Verortung der Epoche liegt zwischen 1760 und 1830. Die intellektuelle Basis bildet die Publikation von Johann Joachim Winckelmann, Geschichte der Kunst des Altertums, Dresden 1764. Winckelmann postuliert in diesem Werk den Aufruf zum „edlen einfachen Stil“ der griechischen Antike. Er fordert eine Rückkehr zu einer Formensprache, die durch Ruhe und Anmut besticht.
Die theoretische Fundierung stützt sich auf die Analyse spezifischer antiker Vorbilder. Der Apoll vom Belvedere im Vatikan dient als Modell für die ideale Schönheit. Die Laokoon-Gruppe liefert die Grundlage für das Verständnis von plastischem Ausdruck innerhalb strenger kompositorischer Grenzen. Zudem fungieren die Marmorkopien des Doryphoros als Maßstab für die anatomische Korrektheit und den Kontrapost. Hugh Honour beschreibt in Neo-classicism, Harmondsworth 1968, wie diese antiken Kanons die ästhetischen Entscheidungen der Bildhauer maßgeblich determinierten.
Hauptzentren — Rom
Rom fungiert als das unangefochtene Zentrum der klassischen Bildhauerei. Die Stadt beherbergt die bedeutendsten Werkstätten und dient als Sammelpunkt für europäische Künstler. Antonio Canova betreibt von 1779 bis 1822 eine Werkstatt in der Via delle Colonnette. Diese Betriebsstätte beschäftigt zeitweise bis zu 60 Mitarbeiter. Canova bedient damit einen internationalen Markt, der von päpstlichen Familien über europäische Adelshäuser bis hin zu den Zaren des russischen Reiches reicht.
Ein zweiter bedeutender Pol ist die Werkstatt von Bertel Thorvaldsen am Vicolo dei Greci, die er von 1797 bis 1838 führt. Else Kai Sass legt in Thorvaldsen, Kopenhagen 1965, dar, dass seine Werkstatt bis zu 40 Mitarbeiter umfasst. Die Accademia di San Luca in Rom dient als wesentlicher Ausbildungsort für die nachrückenden Generationen. Die Auftragslage ist breit gefächert. Neben religiösen und aristokratischen Kommissionen entstehen bedeutende Monumente für das Ausland, wie etwa die Washington-Statue für die USA oder Aufträge der Zarin Maria Fjodorowna aus Russland.
Werkstattpraxis — Punto-System
Die technische Umsetzung folgt in den großen römischen Zentren dem sistema dei punti (Punto-System). Dieses Verfahren ermöglicht eine präzise Übertragung von Entwürfen auf den Stein. Der Bildhauer erstellt zunächst ein bozzetto (Modell) aus Ton oder Wachs und fertigt daraus ein lebensgroßes Gipsmodell an. Mitarbeiter nutzen Punktiergeräte, um die Koordinaten des Modells auf den Marmorblock zu übertragen.
Diese Arbeitsteilung ist die Voraussetzung für die massenhafte Produktion in Werkstätten wie der von Canova. Während die Hilfskräfte die grobe Form aus dem Stein schlagen, behält der Meister die Kontrolle über die entscheidenden Partien. Die Endpolitur führt der Meister selbst durch. Als Hauptmaterial dient Carrara-Statuario-Marmor. Die Oberfläche wird mit Bimsstein und Tuchwischern bearbeitet. Das Ergebnis ist eine „geleckte“ Marmoroberfläche, die das Licht gleichmäßig reflektiert. Hugh Honour erläutert in Canova, 1972 (dt. 1991), die Bedeutung dieser technischen Präzision für den Erfolg des klassischen Stils.
Hauptzentren — andere Länder
Neben Rom entwickeln sich nationale Zentren mit spezifischen Ausprägungen. In Frankreich ist Jean-Antoine Houdon (1741–1828) maßgeblich. Er schafft realistische Porträts, wie die Voltaire-Büste oder die Washington-Statue.
Deutschland konzentriert sich auf Berlin. Johann Gottfried Schadow (1764–1850) prägt die preußische Bildhauerei durch die Quadriga des Brandenburger Tores (1789–1794) und die Prinzessinnengruppe (1797). Sein Schüler Christian Daniel Rauch (1777–1857) führt diese Tradition fort, was sich im Reiterstandbild Friedrichs II. (Berlin 1851) zeigt.
In England arbeitet John Flaxman (1755–1826), der unter anderem das Nelson-Denkmal in der St. Paul's Cathedral gestaltet. In den USA etabliert sich Hiram Powers (1805–1873) als Vertreter des klassischen Stils. Die geografische Streuung zeigt die universelle Geltung der klassizistischen Formensprache.
Hauptwerke
Die folgende Liste führt zentrale Positionen der Epoche auf:
Antonio Canova: * Theseus mit dem toten Minotaurus (1781–1783), Victoria and Albert Museum, London. * Amor und Psyche (1788–1793), Louvre, Paris, Inv. RF 4391. * Pauline Borghese (1804–1808), Galleria Borghese, Rom. * Drei Grazien (1815–1817), Hermitage, St. Petersburg / V&A, London.
Bertel Thorvaldsen: * Jason mit dem Goldenen Vlies (1803–1828), Thorvaldsens Museum, Kopenhagen, A52. * Löwenstatue Luzern (1819–1821), Luzern.
Jean-Antoine Houdon: * Sitzfigur Voltaires (1781), Hermitage, St. Petersburg.
Johann Gottfried Schadow: * Quadriga des Brandenburger Tores (1789–1794), Berlin. * Prinzessinnengruppe (1797), Alte Nationalgalerie, Berlin.
Übergang zur Romantik
In den 1820er Jahren verliert der Klassizismus als pan-europäischer Stil an Dominanz. Die aufkommende Romantik fordert mehr Individualisierung und emotionalen Ausdruck. Ein Wendepunkt ist die Arbeit von François Rude. Sein Relief La Marseillaise am Arc de Triomphe in Paris (1833–1836) bricht mit der klassischen Ruhe und setzt auf dynamische Bewegung.
Die klassizistische Tradition verschwindet nicht vollständig. Sie wird in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter dem Begriff des Akademismus wieder aufgegriffen. Werkstätten in Paris, Rom und Berlin führen die antike Formensprache als Teil einer akademischen Ausbildung fort.
Eine Restaurierung im Jahr 2014 an einem der Canova-Gipsmodelle stabilisierte die fragile Oberfläche der Draperie.
Abbildungen
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(Venice) Monumento alla mano di Canova by Giuseppe Borsato and Bartolomeo Bongiovanni - gallerie Accademia, Didier Descouens, Taken on 4 November 2016. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, -
Antonio Canova, Amorino alato, 1795 c., gesso 01, Superchilum, 2022-10-31 16:15:20. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. -
Antonio canova, apollo in cera, 1790 ca. 01, Sailko, 2019-01-23 11:19:05. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY 3.0. -
Antonio canova, apollo in cera, 1790 ca. 02, Sailko, 2019-01-23 11:19:33. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons,