Die Bildhauerei des Hellenismus

Die hellenistische Bildhauerei erstreckt sich über den Zeitraum von 323 v. Chr., dem Tod Alexanders des Großen, bis 31 v. Chr., dem Ende der Schlacht von Actium und der darauffolgenden Eingliederung Ägyptens als römische Provinz. In dieser Ära verschieben sich die künstlerischen Schwerpunkte weg von der klassischen Polis-Zentrierung hin zu den neuen monarchischen Machtzentren des Diadochenreiches. Die Bildhauerei entwickelt eine neue Formsprache, welche die emotionale Ausdruckskraft und die plastische Dynamik gegenüber der strengen Kontrolliertheit der Klassik steigert.

Während Athen seine politische Vorherrschaft verliert, entstehen neue kulturelle Knotenpunkte in Pergamon, Alexandria, Rhodos und Antiochia. Diese Zentren fördern unterschiedliche Stilrichtungen, die von hochoffizieller Repräsentationskunst bis hin zu kleinteiliger Genreplastik reichen. Die künstlerische Produktion ist durch eine zunehmende Spezialisierung der Werkstätten geprägt.

Zeitraum und Geografie

Der chronologische Rahmen beginnt mit dem Ende des Zeitalters des Alexander (323 v. Chr.) und endet mit dem Aufstieg des römischen Imperiums nach der Entscheidung von Actium (31 v. Chr.). Die geografische Ausdehnung der künstlerischen Produktion folgt den Grenzen der hellenistischen Reiche. Während das Attische Kernland an Bedeutung verliert, fungieren die neuen Herrschaftszentren als Motoren der Formentwicklung.

Pergamon im heutigen Kleinasien und Alexandria in Ägypten bilden die Pole einer weit verzweigten Netzwerkstruktur. Rhodos behauptet sich als bedeutendes Zentrum für die Produktion monumentaler Gruppen. Antiochia dient als weiterer wichtiger Standort für den Austausch zwischen griechischen Traditionen und orientalischen Einflüssen. Bernard Andreae beschreibt in seinem Werk Skulptur des Hellenismus (Muenchen 2001) diese räumliche Verschiebung als eine notwendige Folge der politischen Neuordnung des Mittelmeerraums.

Skulptur
2005-12-28 Berlin Pergamon museum (01), Magnus Manske, 2005-12-28. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0.

Werkstattbedingungen und Material

Die Produktion erfolgt in hochgradig organisierten Werkstätten, die sowohl für monumentale Aufträge als auch für den Export kleinerer Objekte gerüstet sind. Die Polychromie bleibt ein Standard der antiken Skulptur. Vinzenz Brinkmann (Hg.) legt in Bunte Goetter. Die Farbigkeit antiker Skulptur (Frankfurt 2003) dar, dass die farbige Fassung der Oberflächen eine wesentliche Komponente der visuellen Wirkung bildete.

Bei den Materialien dominieren verschiedene Marmorarten. Pentelischer Marmor und Paros-Marmor finden häufig Verwendung, während in der Region Kleinasien auch Brüche in Lydien bei Sardes genutzt werden. Der Wachsausschmelzguss in Bronze erreicht eine technische Perfektion, die von der Lysipp-Tradition in die Werkstätten von Pergamon übergeht. Die technische Qualität ermöglicht komplexe, ausladende Posen, welche in Stein schwerer zu realisieren sind.

Stilformen und Bildtypen

Die hellenistische Kunst lässt sich in vier maßgebliche Strömungen unterteilen. Der erste Typus ist der klassisierende Stil. Er orientiert sich an den Idealen des 5. Jahrhunderts v. Chr., wobei Künstler wie Apollonios von Athen eine kontrollierte Eleganz bewahren. Ein Beispiel hierfür ist der Belvedere-Torso.

Die zweite Strömung bildet die Pergamon-Schule. Diese zeichnet sich durch eine pathetische Bewegtheit aus, die den Betrachter emotional unmittelbar anspricht. Der Pergamon-Altar mit seinem Gigantomachie-Fries zeigt diese Tendenz zur dramatischen Übersteigerung. Die dritte Strömung ist die Rhodos-Schule. Sie arbeitet mit einer extremen plastischen Tiefe und dramatischer Spannung, wie sie in der Laokoon-Gruppe sichtbar wird.

Die vierte Strömung umfasst die alexandrinische Genreplastik. Diese konzentriert sich auf kleinere Formate und alltägliche Motive. Hierzu zählen Darstellungen von Kindern oder mythologische Mischwesen wie der Schlafende Hermaphrodit. Andrew Stewart beschreibt in Greek Sculpture: An Exploration (New Haven 1990) diese Vielfalt als Resultat einer differenzierten Marktnachfrage innerhalb der hellenistischen Welt.

Hauptzentren

Pergamon fungiert als bedeutendes Zentrum der Hofkunst unter den Attaliden. Der dort errichtete Pergamon-Altar (ca. 170–160 v. Chr.) mit seinem monumentalen Fries ist das zentrale Zeugnis dieser Werkstatttradition. Das Original befindet sich heute im Pergamonmuseum in Berlin.

Rhodos stellt ein weiteres Kernzentrum dar. Die dortige Werkstatttradition ist durch die Familie Polydoros, Athanadoros und Hagesandros belegt. Plinius der Ältere nennt diese Namen in seiner Naturalis historia (Buch 36, 37) im Zusammenhang mit der Schöpfung der Laokoon-Gruppe. Alexandria hingegen spezialisiert sich auf den Bronzeguss sowie auf die Produktion von Genreplastiken für den gehobenen privaten Gebrauch.

Hauptwerke

Die Nike von Samothrake (um 190 v. Chr., Louvre Inv. MA 2369) zeigt die Meisterschaft in der Darstellung bewegter Gewänder. Der Pergamon-Altar (170–160 v. Chr., Pergamonmuseum Berlin) bleibt das wichtigste Monument der pergamenischen Dramatik. Der Sterbende Gallier existiert als römische Marmorkopie nach einem vergänglichen Bronzeoriginal und befindet sich im Capitolinischen Museum (Inv. MC 747).

Die Laokoon-Gruppe wird auf die Zeit um 40 v. Chr. datiert. Sie ist laut Plinius (Naturalis historia, Buch 36) den Rhodosern Athanadoros, Hagesandros und Polydoros zuzuschreiben. Der Belvedere-Torso (1. Jh. v. Chr., Vatikan Inv. 1192) trägt die Signatur des Apollonios. Der Schlafende Hermaphrodit im Louvre stellt den Typus der alexandrinischen Genreplastik dar.

Übergang zur römischen Skulptur

Die hellenistischen Werkstätten bleiben auch nach der römischen Expansion bestehen. Sie produzieren verstärkt Marmorkopien des griechischen Kanons für den römischen Bedarf. Diese Kopien dienen der Ausstattung römischer Villen und öffentlicher Plätze.

Pasiteles und seine Schule in Rom bilden im 1. Jahrhundert v. Chr. eine wichtige Verbindung zwischen griechischer Formensprache und römischer Auftraggeberpraxis. Die handwerkliche Kontinuität sichert das Überleben hellenistischer Stilelemente innerhalb der römischen Kunstproduktion. Eine Restaurierung der Laokoon-Gruppe im Jahr 1957 durch die italienische Kommission ermöglichte die Neuanordnung der Fragmente nach der Wiederentdeckung.

Abbildungen

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