Brâncuşis Vogel im Raum

Constantin Brâncuşi schuf zwischen 1923 und 1941 über 16 Versionen des Oiseau dans l'espace (rumänisch Pasarea în văzduh). Die Serie umfasst unterschiedliche Materialien, wobei die erste Version aus Marmor im Jahr 1923 entstand. Spätere Ausführungen bestehen aus polierter Bronze oder Goldbronze. Eine zentrale Fassung der Serie ist die Bronzeversion von 1923 mit einer Höhe von ca. 130 cm, welche sich im Museum of Modern Art (MoMA), New York, unter der Inventarnummer 2.1934 befindet.

Die Skulpturenreihe gehört zu den zentralen Objekten der modernen Bildhauerei des 20. Jahrhunderts. Brâncuşi arbeitete primär in seinem Atelier in der Impasse Ronsin in Paris. Die Arbeiten thematisieren die Reduktion der Form auf das Wesentliche. Während die frühen Marmorversionen noch eine gewisse Materialbindung an den Stein aufweisen, erreichen die späteren Bronzegüsse eine extreme Oberflächenbeschaffenheit.

Datierung und Versionen

Die Entstehungsgeschichte des Oiseau dans l'espace erstreckt sich über fast zwei Jahrzehnte. Brâncuşi fertigte im Zeitraum von 1923 bis 1941 insgesamt über 16 Versionen an. Die erste Version aus Marmor datiert auf das Jahr 1923. Diese frühen Arbeiten weisen eine stärkere Materialität des Steins auf, während die darauf folgenden Bronzegüsse die Form zunehmend in Richtung einer rein vertikalen Achse tendieren lassen.

Die Forschung unterscheidet zwischen den verschiedenen Materialgruppen. Sidney Geist beschreibt in Brancusi. The Sculpture and Drawings (New York 1975) die Entwicklung der Formsprache anhand der unterschiedlichen Gussverfahren und Oberflächenbehandlungen. Die Bronzeversion von 1923, die heute im MoMA New York unter der Inventarnummer 2.1934 gelagert wird, gilt als Referenzobjekt für die Untersuchung der Serie. Diese Version misst ca. 130 cm in der Höhe.

Neben den Bronze- und Marmorversionen existieren auch Ausführungen in Goldbronze. Die Datierung der einzelnen Stücke folgt oft dem Fundort oder der dokumentierten Werkstattarbeit. Athena Tacha-Spear führt in Brancusi's Birds (New York 1969) detailliert die verschiedenen Iterationen auf, wobei sie die zeitliche Abfolge der Materialwechsel zwischen Marmor und Metall nachzeichnet.

Komposition und ästhetisches Programm

Die Skulptur präsentiert sich als schmaler, vertikal aufstrebender Körper. Eine anatomische Detailzeichnung eines Vogels fehlt vollständig. Brâncuşi verzichtet auf Flügel, Schnabel oder Federn. Das Werk folgt einem programmatischen Ansatz: „Es ist nicht der Vogel, sondern der Flug, den ich darstellen wollte“. Die Komposition konzentriert sich auf die Dynamik des Aufstiegs durch eine extreme vertikale Streckung.

Die Form fungiert als Indikator für Bewegung statt als Abbild einer Figur. Der Körper verjüngt sich nach oben hin zu einer feinen Spitze. Diese Reduktion führt dazu, dass die Skulptur den umgebenden Raum mit einbezieht. Friedrich Teja Bach erläutert in Constantin Brâncuşi. Métamorphoses plastiques (Paris 1995), dass die Form nicht das Tier beschreibt, sondern die Essenz der Flugbewegung isoliert.

Ein entscheidendes Element der Komposition ist die Oberflächenbeschaffenheit. Brâncuşi polierte die Bronze täglich, teilweise über Jahre hinweg, bis die Oberfläche eine spiegelnde Qualität erreichte. Die Polituren dienen dazu, das Licht einzufangen und die physische Schwere des Metalls optisch aufzuheben.

Zollprozess 1928

Ein bedeutender rechtlicher Wendepunkt in der Geschichte der abstrakten Kunst war der US-Zollprozess zwischen 1927 und 1928. Der Fotograf Edward Steichen, ein Sammler von Brâncuşi, importierte eine Version des Oiseau dans l'espace aus dem Jahr 1926 in die Vereinigten Staaten. Der US-Zoll verweigerte die zollfreie Einstufung als Kunstwerk. Die Behörden klassifizierten die Skulptur stattdessen als „Industrieprodukt“, was eine Zollgebühr von 240 USD zur Folge hatte.

Brâncuşi und Steichen legten Widerspruch ein. In der darauffolgenden Gerichtsverhandlung im Jahr 1928 sagten unter anderem Marcel Duchamp als Zeuge aus, um die künstlerische Qualität des Objekts zu belegen. Das Urteil unter dem Aktenzeichen United States v. Brâncuşi, T.D. 43063, 1928 entschied zugunsten des Künstlers. Das Gericht stellte fest, dass das Werk Kunst ist und somit zollfrei importiert werden darf.

Dieser Prozess gilt als die erste US-Rechtsprechung für abstrakte Kunst. Er definierte rechtlich, dass der ästhetische Wert eines Objekts nicht an der Mimesis oder der gegenständlichen Erkennbarkeit gebunden ist. Die Entscheidung schuf einen Präzedenzfall für die Anerkennung nicht-figurativer Werke im US-Zollrecht.

Werkstatt und Politurtechnik

Die Produktion fand in der Werkstatt in der Impasse Ronsin, Paris, statt. Brâncuşi nutzte primär das Wachsausschmelzverfahren für seine Bronzegüsse. Der Prozess endete jedoch nicht mit dem Guss. Die Nachbearbeitung der Oberfläche war ein integraler Bestandteil des künstlerischen Schaffens. Brâncuşi bezeichnete das Polieren als seine eigentliche Arbeit.

Die Technik umfasste den täglichen Einsatz von Bimsstein, Schmirgelpapier und Polierwachs. Dieser Vorgang dauerte oft Monate oder sogar Jahre. Das Ziel war eine spiegelnde Oberfläche, die keine Patina aufweist. Während viele Bildhauer die Korrosion des Metalls zur Charakterisierung nutzen, vermeidet Brâncuşi diese bewusst. Die Bronze wirkt stattdessen wie ein Goldspiegel.

Diese intensive mechanische Bearbeitung verändert die Lichtreflexion auf der Skulptur. Das Metall verliert seine visuelle Dichte. Die glatte Oberfläche lässt die Grenzen zwischen dem Objekt und seiner Umgebung verschwimmen.

Heutige Standorte und Provenienz

Die Verteilung der Hauptversionen des Oiseau dans l'espace erfolgt über bedeutende internationale Museen. Die Bronzeversion von 1923 befindet sich im MoMA, New York (Inv. 2.1934). Eine Marmorversion aus dem Jahr 1923 ist im Metropolitan Museum of Art in New York aufbewahrt. Das Solomon R. Guggenheim Museum beherbergt eine Bronzeversion aus den Jahren 1932–1940.

In Paris dient das Centre Pompidou als zentraler Ort der Forschung. Dort wurde 1997 eine Atelier-Rekonstruktion eröffnet, die mehrere Versionen des Vogels zeigt. Diese Rekonstruktion ermöglicht die Untersuchung der Werke in einem Kontext, der dem ursprünglichen Arbeitsumfeld in der Impasse Ronsin nahekommt. Margit Rowell und Ann Temkin beschreiben in dem Katalog zur Ausstellung im Centre Pompidou (Paris 1995) die Bedeutung dieser räumlichen Anordnung für das Verständnis der Werkstattpraxis.

Das Atelier Brâncuşi bleibt ein wesentlicher Bestandteil der Provenienzforschung. Die Dokumentation der Werkstattabläufe stützt die Einordnung der verschiedenen Materialvarianten. Eine Restaurierung der Bronzeoberflächen im Jahr 1988 unter Berücksichtigung der ursprünglichen Politurtechniken stabilisierte den Glanz der MoMA-Version.

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