Berninis Verzückung der heiligen Teresa
Gian Lorenzo Bernini schuf die Estasi di Santa Teresa (Verzückung der heiligen Teresa) zwischen 1647 und 1652. Die Skulpturengruppe aus weißem Marmor befindet sich in der Cornaro-Kapelle der Kirche Santa Maria della Vittoria in Rom. Das Ensemble umfasst die zentrale Figurengruppe, eine architektonische Rahmung sowie seitliche Medaillons mit Porträts der Auftraggeberfamilie.
Die Komposition nutzt das Prinzip des bel composto, wobei Bildhauerei, Architektur und Lichtführung zu einer Einheit verschmelzen. Bernini setzt die heilige Teresa in einen Zustand ekstatischer religiöser Erfahrung. Die Darstellung basiert auf den mystischen Schriften der spanischen Mystikerin.
Auftrag und Datierung
Kardinal Federico Cornaro gab das Werk im Jahr 1647 in Auftrag. Er wollte eine private Grab- und Gebetskapelle für die Familie Cornaro in der Kirche Santa Maria della Vittoria errichten. Die Ausführung der Kapelle und der Skulpturengruppe dauerte bis 1652 an. Der finanzielle Aufwand für dieses Projekt war außergewöhnlich hoch. Die Kosten beliefen sich auf ca. 12.000 Scudi, was für eine einzelne Familienkapelle ein extremes Maß an Ressourcenbindung darstellt.
Die Kapelle dient als monumentales Zeugnis des venezianischen Adels in Rom. Bernini integrierte die Porträts der Cornaro-Familie in seitliche Theaterlogen aus Marmor. Diese Anordnung rahmt das zentrale Geschehen wie eine Bühnenszene ein.
Mystische Quelle — Teresa von Ávila
Die ikonografische Grundlage bildet die Autobiografie der heiligen Teresa von Ávila, das Libro de la vida (1565). In Kapitel 29 beschreibt sie eine Vision, die ihr tiefes geistiges Erleben prägte. Ein Engel oder Cherub erscheint ihr und durchbohrt ihr Herz mit einem goldenen Speer. Dieser Akt löst einen Schmerz aus, der gleichzeitig eine übermenschliche Freude und Liebe zu Gott bewirkt.
Bernini wählte für seine Skulptur den Moment unmittelbar vor dem physischen Einschlag des Speers. Die Spannung der Szene resultiert aus dieser zeitlichen Verdichtung. Die körperliche Reaktion der Heiligen auf das göttliche Eingreifen bildet das Zentrum der Darstellung.
Material und Werkstatt
Für die Hauptfiguren der heiligen Teresa und des Engels verwendete Bernini Carrara-Statuario-Marmor. Dieser Marmor erlaubt eine feine Ausarbeitung der Oberflächenstrukturen. Die Werkstatt des Künstlers befand sich am Largo dei Lombardi in Rom. Dort wurden die Steinblöcke bearbeitet und die komplexen Formen vorbereitet.
Ein wesentliches Element der Lichtführung ist die vergoldete Bronze. Diese bildet Strahlen, die von einer verborgenen Lichtquelle hinter der Skulptur ausgehen. Das Licht fällt auf die Figuren und simuliert eine übernatürliche Präsenz. Die Bodendekoration der Kapelle nutzt polychromen Marmor, um die räumliche Tiefe zu verstärken.
Beschreibung und Komposition
Die heilige Teresa liegt in einer instabilen Position auf einer schweren, massiven Wolke. Ihr Körper weist keinen festen Kontrapost auf, da die Schwerkraft durch den Zustand der Ekstase aufgehoben scheint. Die Augen sind halb geschlossen, der Mund ist leicht geöffnet. Ihre Hände hängen schlaff herab.
Der Engel steht rechts von ihr und hält einen Pfeil bereit. Die Drapierung der Gewänder folgt keinem anatomischen Gesetz, sondern wirkt wie fließendes Wasser. Der Stoff bricht das Licht in tiefen Falten und erzeugt ein Spiel aus Licht und Schatten. Die vergoldeten Bronzestrahlen im Hintergrund fungieren als visuelle Repräsentanz des göttlichen Lichts.
Kontroverse und Rezeption
Die Darstellung der körperlichen Ekstase löste bereits früh kritische Reaktionen aus. Charles de Brosses schrieb in seinen Lettres familières (1739) über die vermeintlich unanständige Sinnlichkeit der Skulptur. Er sah in der physischen Intensität eine Diskrepanz zur religiösen Intention.
In der modernen Forschung wurde diese Sichtweise differenziert betrachtet. Rudolf Wittkower argumentiert in Bernini. The Sculptor of the Roman Baroque (London 1955), dass die körperliche Sprache notwendig ist, um die spirituelle Erhebung darzustellen. Die physische Reaktion ist bei Wittkower als notwendiges Medium der theologischen Wahrheit zu verstehen. Howard Hibbard ergänzt in Bernini (Pelican 1965) die Analyse der theatralischen Komponente. Später untersuchte das Seminar XX von Jacques Lacan (1972–1973) die Skulptur unter psychoanalytischen Gesichtspunkten.
Tomaso Montanari beschreibt in Bernini scultore (Rom 2007) die technische Meisterschaft, mit der Bernini die Grenze zwischen Materie und Geist auflöst. Die Debatte zwischen körperlicher Empfindung und geistiger Transzendenz bleibt ein zentraler Punkt der wissenschaftlichen Auseinandersetzung.
Restaurierung und heutiger Zustand
Die Skulpturengruppe befindet sich in der Cornaro-Kapelle in Santa Maria della Vittoria, Rom. Sie gehört zum Vatikanischen Inventar. Der Erhaltungszustand des Marmors ist stabil.
Eine umfangreiche Restaurierung fand im Zeitraum 2010–2012 unter der Leitung von Anna Maria Brignardello statt. Dabei wurden die Oberflächen gereinigt und die strukturelle Integrität der Marmorteile geprüft. Die Vergoldung der Bronzestrahlen wurde im Zuge dieser Maßnahmen kontrolliert.
Abbildungen
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Cornaro chapel in Santa Maria della Vittoria in Rome HDR, <a href="//commons.wikimedia.org/wiki/User:Livioandronico2013" title="User:Livioandronico2013">Livioandronico2013</a>, 2015-08-01 17:06:44. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. -
Drawing, Ecstasy of Saint Teresa, 1813–18 (CH 18124319), <div class="fn value"> Unknown artist<span style="display: none;">Unknown artist</span></div>, 1813–18. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, -
Ecstasy of Saint Teresa, <a href="//commons.wikimedia.org/w/index.php?title=User:Sumselkawumsel&action=edit&redlink=1" class="new" title="User:Sumselkawumsel (page does not exist)">Sumselkawumsel</a>, 2012-03-23. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0. -
Ecstasy of Saint Teresa September 2015-2a, <bdi><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Gian_Lorenzo_Bernini" class="extiw" title="w:en:Gian Lorenzo Bernini"><span title="Italian sculptor and architect (1598–1680)">Gian Lorenzo Bernini</span></a></bdi>, 1675. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. -
Ecstasy of St. Teresa HDR, <a href="//commons.wikimedia.org/wiki/User:Livioandronico2013" title="User:Livioandronico2013">Livioandronico2013</a>, 2015-08-01 17:02:39. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. -
Gianlorenzo bernini, cappella cornaro, 1644-52, estasi di s. teresa 05, <div class="fn value"> <a href="//commons.wikimedia.org/wiki/User:Sailko" title="User:Sailko">Sailko</a></div>, 16 October 2016, 10:10:29. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY 3.0.