Der Doryphoros des Polyklet

Der Doryphoros (Speerträger) ist eine der einflussreichsten Skulpturen der griechischen Klassik. Das Original stammt von Polyklet aus Argos und datiert um 440 v. Chr. Es bestand aus Bronze, wobei dieses Werk heute verloren ist. Die wissenschaftliche Rekonstruktion des Bildprogramms beruht auf zahlreichen römischen Marmorkopien.

Die bekannteste Kopie stammt aus Pompeji und befindet sich im Museo Archeologico Nazionale in Neapel unter der Inventarnummer MANN 6011. Diese Skulptur misst 2,12 m in der Höhe. Weitere Kopien existieren in Berlin, Mailand und Minneapolis. Sie dienen als primäre Quellen für die Untersuchung der hochklassischen Formensprache.

Original und Datierung

Das Bronzeoriginal wurde von Polyklet um 440 v. Chr. geschaffen. Da das Metall in der Antike oft für andere Zwecke eingeschmolzen wurde, existiert die Skulptur nicht mehr. Die Forschung stützt sich auf die antiken Berichte über die Werkstatt des Polyklet. Plinius der Ältere nennt den Bildhauer in seiner Naturalis historia (Buch 34, 55) als bedeutenden Vertreter der griechischen Kunst.

Die römischen Marmorkopien sind meist Abzüge oder Nachbildungen, die zwischen 30 v. Chr. und 50 n. Chr. entstanden. Die Pompeji-Kopie stellt den Typus am präzisesten dar. Während das Original eine dynamische Bronzeoberfläche besaß, zeigen die Marmorkopien oft die Spuren der Punktierung oder der Meißelarbeit. Die Datierung des Originals auf die Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. ist durch den Vergleich der anatomischen Proportionen mit anderen Werken der Hochklassik gesichert.

Der Doryphoros des Polyklet – Skulptur, Hauptansicht
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Kanon und Lehre

Polyklet entwickelte eine theoretische Schrift mit dem Titel Kanon (Regel oder Maß), die heute nicht mehr erhalten ist. Diese Schrift bildete das mathematische Fundament für seine Skulpturen. Die Statue des Doryphoros fungierte als die praktische Veranschaulichung dieser Proportionenlehre. Die mathematischen Verhältnisse wurden in der Schrift definiert, wobei die einzelnen Körperteile in einem festen numerischen Verhältnis zueinander standen.

Ein Beleg für den Inhalt dieser Schrift findet sich bei Galen in De placitis Hippocratis et Platonis (Buch V, 3, 16). Die Proportionen des Körpers folgen einer strengen Logik. Das Verhältnis des Kopfes zum Körper beträgt 1:7,5. Der Fuß steht im Verhältnis 1:6 zur Gesamthöhe des Körpers. Diese mathematische Strenge unterscheidet den Stil des Polyklet von zeitgenössischen Bildhauern wie Phidias. Andrew Stewart beschreibt in Greek Sculpture: An Exploration (Yale 1990), dass diese Symmetrie die visuelle Ordnung der klassischen Formgebung bestimmt.

Beschreibung und Komposition

Das Standmotiv zeigt einen jungen Athleten in einem vollendeten Kontrapost. Die Gewichtsverteilung ist asymmetrisch organisiert. Das Standbein befindet sich auf der rechten Seite, während das linke Bein als Spielbein zurückgestellt ist. Diese Bewegung erzeugt eine S-Kurve in der Achse des Körpers. Der Oberkörper und das Becken stehen in einer leichten Torsion zueinander, was die plastische Tiefe erhöht.

Die Schaufront ist frontal ausgerichtet. Der Kopf trägt ein kappenartiges Haar aus eng gewundenen Locken. In fast allen erhaltenen Kopien fehlt der Speer (dory), der ursprünglich über die linke Schulter geführt wurde. Das Fehlen dieses Attributs erschwert die Rekonstruktion der ursprünglichen Armhaltung. Die Drapierung ist bei diesem Typus nicht vorhanden, da die Skulptur den nackten Athleten zeigt. Die Muskulatur ist durch eine präzise Oberflächenmodellierung definiert, die die anatomische Korrektheit betont.

Römische Kopien und Rezeption

Die römische Produktion von Marmorkopien diente der Dekoration privater Villen und öffentlicher Thermen. Der Doryphoros wurde zum Standardmodell für die Darstellung des männlichen Idealkörpers. Die Kopie aus Pompeji wurde im Jahr 1797 wiederentdeckt. Sie wurde daraufhin nach Neapel überführt.

In der Neuzeit dienten diese Kopien als Vorlagen für die Ausbildung von Bildhauern. Ein Stuckabguss in der Dresdner Antikensammlung dokumentiert die weite Verbreitung des Motivs im 18. und 19. Jahrhundert. Die Rezeption des Typs wurde maßgeblich durch die Nachbildungen in der Sammlung von Heinrich von Brunn beeinflusst. Die Kopien erlaubten es der Forschung, die verloren gegangene griechische Bronzeplastik zu studieren.

Forschung und Restaurierung

Die wissenschaftliche Aufarbeitung des Doryphoros konzentriert sich auf die Identifizierung der Kopiertechniken. Renate Bol hat in ihrem Werk Polyklet (Mainz 1990) die kompositorischen Prinzipien detailliert analysiert. Die Untersuchung der Marmoroberflächen gibt Hinweise auf die ursprüngliche Ausführung der Bronze.

Die Pompeji-Kopie, gelistet unter der Inventarnummer MANN 6011, wurde in der Vergangenheit mehrfach konservatorisch behandelt. Eine Restaurierung im Jahr 1982 stabilisierte die Verbindung zwischen den einzelnen Marmorsegmenten. Die Untersuchung der Oberflächenstruktur zeigt, dass viele Kopien durch das Punktierverfahren aus dem Original übertragen wurden. Der aktuelle Zustand der Skulptur im Museo Archeologico Nazionale erlaubt eine genaue Analyse der klassischen Proportionen.

Abbildungen

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