Berninis Heiliger Longinus

Der Heilige Longinus ist eine monumentale Marmorskulptur von Gian Lorenzo Bernini. Die Figur befindet sich im Petersdom in Rom. Sie steht in der Nische des Nordost-Pfeilers der Vierung. Die Skulptur entstand zwischen 1631 und 1638. Sie bildet zusammen mit den Figuren der Heiligen Veronika, Helena und Andreas ein ikonografisches Programm für die vier Vierungspfeiler.

Der Auftraggeber war Papst Urban VIII. aus dem Hause Barberini. Bernini schuf die Statue als Teil eines umfassenden dekorativen Konzepts für die Vierung des Petersdoms. Die Skulptur zeigt den römischen Soldaten im Moment der spirituellen Erkenntnis. Sie ist 4,4 m hoch.

Auftrag und Datierung

Papst Urban VIII. Barberini gab die Arbeiten an den Vierungspfeilern im Jahr 1631 in Auftrag. Bernini bearbeitete die Skulptur im Zeitraum von 1631 bis 1638. Das Programm der vier Pfeiler integriert die Statuen in das liturgische Zentrum des Doms. Die Figuren Veronika, Helena, Andreas und Longinus fungieren als Bindeglied zwischen dem Kirchenschiff und dem Presbyterium.

Rudolf Wittkower beschreibt in seinem Werk Bernini (London 1955) die Einbindung dieser Skulpturengruppe in das architektonische Gesamtkonzept der Barberini-Zeit. Die Datierung folgt aus den dokumentierten Werkstattphasen und den zeitgenössischen Aufzeichnungen über die Arbeiten am Petersdom. Während die Vorbereitungen bereits 1631 begannen, wurde die Ausführung der Marmorarbeiten erst gegen 1638 abgeschlossen.

Berninis Hl. Longinus, Marmor, St. Peter
0 Statue de Saint Longin par Gian Lorenzo Bernini - Basilique St-Pierre - Vatican, Jean-Pol GRANDMONT, 2011-09-30 12:54. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY 3.0.

Historische Quelle

Die Identität des Longinus basiert auf der biblischen Erzählung nach Johannes 19,34. Ein römischer Soldat durchbohrte die Seite Christi mit einem Speer. Diese Episode führt zur Bekehrung des Soldaten. Die Skulptur thematisiert diesen Moment der Transzendenz.

In der unmittelbaren Umgebung der Statue wird die physische Reliquie aufbewahrt. Es handelt sich um die Speerspitze, die im Petersdom als Teil des Heiligen Longinus verehrt wird. Die Positionierung der Skulptur gegenüber der Reliquie schafft eine visuelle Verbindung zwischen dem haptischen Objekt und der bildhauerischen Darstellung. Irving Lavin erläutert in Bernini and the Unity of the Visual Arts (1980), wie Bernini die räumliche Nähe von Reliquie und Bildnis nutzt, um die religiöse Erfahrung des Betrachters zu steuern.

Material und Werkstatt

Die Skulptur besteht aus Carrara-Statuario-Marmor. Dieser Marmor wurde in mehreren Blöcken zusammengesetzt, um die monumentale Größe von 4,4 m zu erreichen. Die Oberfläche zeigt eine differenzierte Bearbeitung der Texturen.

Bernini leitete die Werkstatt, wobei Andrea Bolgi und Andrea Sacchi am Modellaufbau mitwirkten. Sacchi war maßgeblich an der Entwicklung der kompositorischen Vorlagen beteiligt. Der Speer, den die Figur hält, besitzt eine vergoldete Spitze. Diese Materialkombination aus weißem Marmor und Gold dient der Akzentuierung des zentralen Attributs. Howard Hibbard weist in Bernini (Pelican 1965) auf die technische Komplexität hin, die durch die Verbindung der verschiedenen Marmorblöcke entsteht.

Beschreibung und Komposition

Der Heilige Longinus steht in einer dynamischen Pose. Seine Arme sind zu beiden Seiten ausgestreckt. Diese Geste bezeichnet die Offenheit der Bekehrung. Der linke Arm hält den Speer, während der rechte Arm frei in den Raum ragt. Die Körperhaltung nutzt den Kontrapost, um eine Spannung zwischen Ruhe und Bewegung zu erzeugen.

Die Drapierung des Gewandes ist durch eine pathetische Bewegtheit gekennzeichnet. Tiefe Faltenwürfe erzeugen starke Licht-Schatten-Kontraste auf der Oberfläche des Carrara-Statuario-Marmors. Der Blick der Figur ist steil nach oben gerichtet. Diese vertikale Achse korrespondiert mit der göttlichen Erkenntnis, die Longinus in diesem Augenblick erfährt. Die Komposition zielt darauf ab, den Betrachter durch die expressive Gestik unmittelbar einzubeziehen.

Restaurierung und heutiger Zustand

Die Skulptur befindet sich dauerhaft im Petersdom in der Nische des Nordost-Pfeilers der Vierung. Der aktuelle Erhaltungszustand ist gut. Die Vatikanischen Bestandskataloge (2010) dokumentieren die physische Integrität der Marmorblöcke.

Eine umfangreiche Restaurierung fand zwischen 1997 und 2000 statt. Die Arbeiten wurden durch die Vatikan-Werkstätten unter der Leitung von Maurizio De Luca durchgeführt. Dabei erfolgte eine Reinigung der Oberfläche und eine Stabilisierung der Marmorstruktur. Diese Maßnahmen dienten der Entfernung von Staubablagerungen und der Festigung der Bindungen zwischen den einzelnen Blöcken.

Abbildungen

  • Berninis Hl. Longinus, Marmor, St. Peter
    0 Statue de Saint Longin par Gian Lorenzo Bernini - Basilique St-Pierre - Vatican, Jean-Pol GRANDMONT, 2011-09-30 12:54. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY 3.0.
  • Berninis Hl. Longinus, Marmor, St. Peter
    Fotografía oscura en el Vaticano 38, Álvaro de la Paz Franco, 2025-06-10 01:44:58. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC0.
  • Berninis Hl. Longinus, Marmor, St. Peter
    Fotografía oscura en el Vaticano 39, Álvaro de la Paz Franco, 2025-06-10 01:44:57. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC0.
  • Berninis Hl. Longinus, Marmor, St. Peter
    Gian lorenzo bernini, bozzetto per la statua di san longino nella basilica di san pietro, 1633-35, 01, Francesco Bini, 2023-03-17 15:55:27. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
  • Berninis Hl. Longinus, Marmor, St. Peter
    Gian lorenzo bernini, bozzetto per la statua di san longino nella basilica di san pietro, 1633-35, 02, Francesco Bini, 2023-03-17 15:48:24. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.

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