Giacomettis Walking Man I
Alberto Giacometti schuf das Tonmodell für L'Homme qui marche I (Der schreitende Mann I) im Jahr 1960. Der erste Bronzeguss erfolgte 1961 in der Pariser Werkstatt Susse Frères. Die Skulptur weist eine Höhe von 183 cm auf. Sie gehört zu einer Serie von sechs autorisierten Bronzegüssen, wobei vier Exemplare nummeriert sind und zwei als Künstler-Exemplare gelten.
Die Figur ist aus Bronze im Wachsausschmelzverfahren gefertigt. Das Werk befindet sich in verschiedenen Museen und Privatsammlungen weltweit. Die physische Präsenz der Skulptur korrespondiert mit der Lebensgröße eines Mannes, obwohl die plastische Substanz auf ein Minimum reduziert wurde.
Auftrag und Datierung
Das ursprüngliche Tonmodell entstand 1960. Der Übergang vom Modell zum Metall vollzog sich im Jahr 1961 durch den Guss in der Werkstatt Susse Frères, Paris. Diese Werkstatt war für die technische Umsetzung der Giacometti-Modelle maßgeblich verantwortlich.
Die Gesamtzahl der autorisierten Güsse beläuft sich auf sechs Exemplare. Das Werkverzeichnis Yves Bonnefoy, Alberto Giacometti. Biographie d'une oeuvre (Paris 1991), dokumentiert diese sechs Einheiten, die sich in vier nummerierte Abgüsse und zwei spezielle Künstler-Exemplare unterteilen. Die Datierung 1961 bezieht sich auf den Abschluss des ersten Gusszyklus.
Material und Technik
Die Skulptur ist ein Wachsausschmelzguss in Bronze. Dieser Prozess ermöglichte es der Werkstatt Susse Frères, die unregelmäßige, haptische Oberflächenstruktur des Tonmodells präzise in das Metall zu übertragen. Die Oberfläche zeigt eine dunkle, grau-braune Patina, die einen gelblich-grünen Schimmer aufweist.
Die Proportionen sind extrem schmal und länglich. Diese Formgebung ist charakteristisch für die Phase der Bildhauerei ab 1947. Die Textur der Bronze wirkt zerklüftet, da sie die Spuren der Modellierung des Künstlers im Ton konserviert.
Beschreibung und Komposition
Das Standmotiv zeigt eine skelettartig schmale menschliche Figur in einer schreitenden Bewegung. Die Arme hängen eng an den Seiten des Körpers herab. Der Körper bewegt sich auf einem rechteckigen, in Bronze integrierten Sockel vorwärts.
Die Komposition folgt einer existenziellen Reduktion des menschlichen Körpers. Die Figur wirkt isoliert in ihrer Vorwärtsbewegung. Jean-Paul Sartre beschreibt die Bildsprache dieser Phase bereits in seinem Essay La recherche de l'absolu, erschienen in den Cahiers d'art (1948), als eine Darstellung des „Menschen in der Distanz“. Die extreme Vertikalität und die Verjüngung der Extremitäten betonen die räumliche Isolation des Subjekts.
Auktionsrekord 2010
Am 3. Februar 2010 fand bei Sotheby's London eine Auktion statt, die einen historischen Wendepunkt für den Markt der Skulptur markierte. L'Homme qui marche I wurde für 65 Mio. £ verkauft. Dieser Betrag entsprach zum Zeitpunkt des Verkaufs etwa 104 Mio. USD.
Der Verkauf gilt als die erste Skulptur, welche die Schwelle von 100 Mio. USD überschritt. Der damalige Rekord für eine Skulptur lag bei Constantin Brâncuși für L'Oiseau dans l'espace (27,4 Mio. EUR im Jahr 2005). Als Käufer der Skulptur trat Lily Safra für ihre Sammlung auf. Der Sotheby's London Auktionskatalog vom 3. Februar 2010 bestätigt diese Transaktion als einen markanten Preiswert in der Geschichte der modernen Bildhauerei.
Rezeption und Forschung
Die theoretische Einordnung der Werke Giacomettis ist eng mit dem Existentialismus verknüpft. Jean-Paul Sartre lieferte mit La recherche de l'absolu (1948) eine wesentliche Lektüre, welche die Reduktion der Form als Ausdruck der menschlichen Bedingung deutet.
Die kunsthistorische Analyse der formalen Aspekte wurde durch David Sylvester in Looking at Giacometti (London 1994) vertieft. Sylvester untersucht darin die Beziehung zwischen dem Raum und der plastischen Masse. Die genaue Dokumentation der Gussreihenfolgen und der Werkstattarbeit basiert auf dem Werkverzeichnis von Yves Bonnefoy, Alberto Giacometti. Biographie d'une oeuvre (Paris 1991).
Ein im Jahr 2014 durchgeführter technischer Befund an einem verwandten Guss bestätigte die Beständigkeit der Patina-Schichten aus der Werkstatt Susse Frères.
Abbildungen
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Musée d'art contemporain de Téhéran, statues de Giacometti, ZarlokX, 2024-05-23. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. -
Tehran Museum of Contemporary Art 4, Farzaneh, 2017-07-17. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.