Die römische Skulptur

Die römische Bildhauerei erstreckt sich über einen Zeitraum von etwa sieben Jahrhunderten. Sie entwickelte sich von regionalen Traditionen zu einer imperialen Kunstform, die das gesamte Mittelmeer umfasste. Während die frühe Phase stark von italienischen und etruskischen Einflüssen geprägt war, dominierte ab dem 1. Jahrhundert v. Chr. die Übernahme hellenistischer Formensprache. Die Skulptur diente im römischen Staat primär der politischen Repräsentation, der Ahnenverehrung und der Dokumentation kaiserlicher Taten.

Die materielle Basis bildeten vor allem Marmor und Bronze. Die Verfügbarkeit verschiedener Steinbrüche ermöglichte eine Differenzierung nach Prestige und regionaler Herkunft. In der Kaiserzeit etablierte sich ein komplexes System aus zentralen Werkstätten in Rom und spezialisierten Zentren in den Provinzen. Diese Zentren lieferten sowohl für den lokalen Bedarf als auch für die kaiserliche Hofkunst.

Zeitraum und Phasen

Die Entwicklung der römischen Plastik lässt sich in vier distinkte Phasen unterteilen. Die republikanische Phase umfasst den Zeitraum von ca. 200 bis 31 v. Chr. In dieser Ära standen realistische Porträts im Vordergrund, die oft eine Verbindung zu lokalen Traditionen aufwiesen.

Die augusteische Phase folgt unmittelbar nach dem Ende der Bürgerkriege und reicht von 31 v. Chr. bis 14 n. Chr. Diese Epoche ist durch eine Idealisierung der Form gekennzeichnet, welche die politische Ordnung des Princeps visuell festigte.

In der mittleren Kaiserzeit, etwa vom 1. bis zum 2. Jahrhundert n. Chr., erlebte die Skulptur eine technische und thematische Ausweitung. Die Produktion von monumentalen Triumphreliefs und aufwendig gestalteten Sarkophagen nahm zu.

Die letzte Phase umfasst die Severerzeit und die Spätantike vom 3. bis zum 4. Jahrhundert n. Chr. Hier vollzieht sich ein Stilwandel weg vom klassischen Naturalismus hin zu einer verstärkten Frontalität. Die plastische Ausarbeitung der Augenpartien verändert sich durch tiefere Bohrungen grundlegend.

Skulptur aus der Epoche Die römische Skulptur
Antiquities Pavilion of the National Museum of Antiquities and Islamic Arts, Algiers 205, Rachid Hamatou, 2023-01-30 13:28:21. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.

Werkstätten und Material

Die technische Umsetzung der römischen Skulptur basierte auf der Integration hellenistischer Traditionen. Im 1. Jahrhundert v. Chr. etablierte sich in Rom eine Schule um den Bildhauer Pasiteles, die griechische Handwerkstechniken mit römischen Auftraggeberbedürfnissen verband. Bernard Andreae beschreibt in The Art of Rome (New York 1977) die strukturelle Bedeutung dieser Werkstattverbindungen für die kaiserliche Repräsentation.

Als Primärmaterial für hochwertige Skulpturen diente ab der augusteischen Zeit vor allem lunensischer Marmor (Carrara). Dieser Stein ermöglichte eine präzise Bearbeitung der Oberflächen. Neben dem lunensischen Marmor wurden Pentelikon-Marmor aus Athen und der farbige Pavonazzetto-Marmor aus Phrygien verwendet, wobei Plinius der Ältere in seiner Naturalis historia (Buch 34 und 36) die verschiedenen Steinqualitäten und deren Herkunft detailliert aufführt.

Die Bronzeplastik blieb ein wesentliches Medium, wobei Werkstätten in Pompeji und später auch in Padua bedeutende Aufträge ausführten. Trotz der Dominanz des Steins blieb die Polychromie, also die farbliche Fassung der Oberflächen, ein Standard der antiken Bildhauerei.

Bildtypen — Porträt

Das Porträt stellt einen zentralen Bestandteil der römischen Plastik dar. In der Republik herrschte der Verismus vor. Dieser Stil zeichnet sich durch eine extreme Darstellung von Alter und physiognomischen Merkmalen aus. Die Grundlage für diese Ästhetik bildet der republikanische Wachsmasken-Ahnenkult. Polybios dokumentiert in Historiae (Buch 6, Kap. 53), dass die Ahnenbilder aus Wachs eine wesentliche Rolle bei den Bestattungsriten spielten. Diese Tradition der präzisen Gesichtswiedergabe übertrug sich auf die Marmorplastik.

Die augusteische Phase brach mit diesem Verismus. Das idealisierte Porträt suchte die zeitlose Schönheit. Ein Beispiel ist die Statue Augustus Prima Porta (Vatikanische Museen, Inv. 2290, ca. 20 v. Chr.), welche den Herrscher in einer klassischen Pose zeigt.

In der Antoninischen Zeit entwickelte sich ein spezifischer Bartstil. Die Porträts von Kaisern wie Marc Aurel (Kapitolinische Museen) nutzen die Textur des Haares zur Charakterisierung. In der Severerzeit veränderte sich die Technik erneut. Die Bildhauer nutzten verstärkt den Bohrer, um die Augenpartien und das Haar dreidimensional auszuarbeiten, was zu einem stärkeren Licht-Schatten-Kontrast führte.

Bildtypen — Triumphrelief und Sarkophag

Die Dokumentation kaiserlicher Macht erfolgte über monumentale Architekturplastik. Triumphbögen wie der Titusbogen oder der Septimius-Severus-Bogen in Rom dienten als Schaufronten für staatliche Prozessionen. Besonders bedeutsam sind die Säulen-Reliefs. Die Trajanssaeule (113 n. Chr.) weist eine Höhe von 38 m auf und zeigt in einem spiralförmigen Fries die Feldzüge des Kaisers. Die Marc-Aurel-Saeule (193 n. Chr.) führt diese Tradition fort, wobei die plastische Tiefe zunimmt.

Ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. gewinnt der Sarkophag an Bedeutung. Diese Steinsärge zeigen entweder mythologische Szenen, wie etwa Darstellungen des Endymion, oder biographische Szenen in Form von Schlachtsarkophagen. Die Komposition dieser Reliefs folgt oft einem dichten, teppichartigen Schema.

Hauptzentren

Rom fungierte als das primäre kaiserliche Zentrum, in dem die bedeutendsten Aufträge konzentriert wurden. Pompeji und Herculaneum dienten als wichtige regionale Werkstattorte für den privaten Bedarf der Elite. Athen blieb ein wichtiges Zentrum für die Produktion von Marmorarbeiten im Auftrag des Hofes.

Ein bedeutendes regionales Zentrum war Aphrodisias in Karien. Die sogenannte Aphrodisias-Schule (1.–3. Jh. n. Chr.) entwickelte eine eigene, hochspezialisierte Tradition der Marmorbearbeitung. R. R. R. Smith beschreibt in Roman Portrait Statuary from Aphrodisias (Mainz 2006) die spezifischen Merkmale dieser Werkstattlinie. Die Forschung nutzt die Provenienz der dort gefertigten Werke zur Identifizierung von Werkstattzusammenhängen in den gesamten Provinzen.

Spätantike und Wende

Die spätantike Bildhauerei zeigt eine deutliche Abkehr von der klassischen Proportion. Das Porträt der Tetrarchen (ca. 300 n. Chr.), das heute im Markusdom in Venedig steht, verdeutlicht diesen Wandel. Die Figuren sind durch eine starke Frontalität und eine weitgehende Gleichgestaltung gekennzeichnet, was die kollektive Macht des Herrschergremiums betont.

Die konstantinischen Porträts führen den Blick des Betrachters durch vergrößerte Augenpartien stärker in das Bild hinein. Dieser Fokus auf den Augenkontakt leitet den Übergang zur byzantinischen Plastik ein. Um 400 n. Chr. lösen sich die klassischen Formen endgültig auf und machen Platz für eine neue, symbolorientierte Formensprache.

Eine Restaurierung der Trajanssäule im Jahr 1980 unter Leitung des Bundesamtes für Denkmalpflege stabilisierte die Fugen der Marmorblöcke.

Abbildungen

  • Skulptur aus der Epoche Die römische Skulptur
    Antiquities Pavilion of the National Museum of Antiquities and Islamic Arts, Algiers 205, <a href="//commons.wikimedia.org/wiki/User:Rachid_Hamatou" title="User:Rachid Hamatou">Rachid Hamatou</a>, 2023-01-30 13:28:21. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
  • Skulptur aus der Epoche Die römische Skulptur
    Antiquities Pavilion of the National Museum of Antiquities and Islamic Arts, Algiers 207, <a href="//commons.wikimedia.org/wiki/User:Rachid_Hamatou" title="User:Rachid Hamatou">Rachid Hamatou</a>, 2023-01-30 13:28:40. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
  • Skulptur aus der Epoche Die römische Skulptur
    Bonn, Skulptur -Bonner Löwe- -- 2016 -- 3992, <bdi><a href="https://www.wikidata.org/wiki/Q34788025" class="extiw" title="d:Q34788025"><span title="German photographer and mathematician">Dietmar Rabich</span></a></bdi>, Taken on 10 August 2016, 15:43. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
  • Skulptur aus der Epoche Die römische Skulptur
    Bonn-bonner-loewe-01, <a href="//commons.wikimedia.org/wiki/User:AKirch-Bonn" class="mw-redirect" title="User:AKirch-Bonn">Axel Kirch</a>, 2004-04-21 12:05:37. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
  • Skulptur aus der Epoche Die römische Skulptur
    Bonn-bonner-loewe-02, <a href="//commons.wikimedia.org/wiki/User:AKirch-Bonn" class="mw-redirect" title="User:AKirch-Bonn">Axel Kirch</a>, 2004-06-13 09:51:57. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
  • Skulptur aus der Epoche Die römische Skulptur
    Bonn-bonner-loewe-03, <a href="//commons.wikimedia.org/wiki/User:AKirch-Bonn" class="mw-redirect" title="User:AKirch-Bonn">Axel Kirch</a>, 2004-08-23 13:06:52. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.

Verwandte Artikel