Andrea del Verrocchio
Andrea del Verrocchio, geboren als Andrea di Michele di Cione um 1435 in Florenz, war ein Bildhauer und Maler der italienischen Renaissance. Sein Wirken konzentrierte sich primär auf den florentinischen Raum, bevor er für die Ausführung eines monumentalen Reiterstandbildes nach Venedig reiste. Er leitete eine produktive Werkstatt, die sowohl plastische Arbeiten in Bronze und Marmor als auch Gemälde produzierte. Diese Kombination aus bildhauerischer und malerischer Tätigkeit ist für das 15. Jahrhundert ungewöhnlich.
Verrocchio entwickelte eine Formsprache, welche die Tradition Donatellos aufgriff und mit einer neuen, antikisierenden Präzision verband. Seine Werkstatt fungierte als ein zentrales Ausbildungszentrum für Künstler der folgenden Generationen. Zu seinen Schülern gehörten unter anderem Leonardo da Vinci, Lorenzo di Credi und Pietro Perugino. Sein Einfluss erstreckte sich über die Grenzen der Toskana hinaus, was durch den Auftrag für das Reiterstandbild des Bartolomeo Colleoni in Venedig belegt wird.
Lebenslauf
Die biographischen Daten von Andrea di Michele di Cione sind lückenhaft, da primäre Quellen aus seiner frühen Lebensphase fehlen. Er wurde um 1435 in Florenz geboren. Ab etwa 1465 etablierte er seine Werkstatt im florentinischen Zentrum. In dieser Zeit nahm er zahlreiche bedeutende Aufträge für die Florentiner Zünfte und religiöse Institutionen an.
Im Jahr 1481 erhielt er den Auftrag für das Reiterstandbild des Bartolomeo Colleoni in Venedig. Diese Arbeit erforderte eine längere Abwesenheit aus Florenz. Verrocchio verstarb am 7. Oktober 1488 in Venedig, während die Ausführung der Bronzeplastik noch andauerte. Sein Leichnam wurde nach Florenz überführt. Er fand seine letzte Ruhe in der Basilika San Lorenzo.
Werkstatt und Schüler
Die Werkstatt des Verrocchio befand sich in der Via Mannelli, einem Bereich, der heute als Borgo dei Greci bekannt ist. Der Betrieb war als multifunktionaler Produktionsort angelegt. Neben der Skulptur wurde hier auch die Malerei geübt. Dies ermöglichte eine enge Verzahnung von plastischer Form und malerischer Oberflächenbehandlung. Es bestand zudem eine künstlerische Verbindung zur Familie Pollaiuolo.
Ein entscheidender Faktor für den Erfolg der Werkstatt war die Ausbildung hochrangiger Künstler. Leonardo da Vinci trat um das Jahr 1466 in die Werkstatt ein und blieb dort bis etwa 1477 tätig. Weitere bedeutende Schüler waren Lorenzo di Credi und Pietro Perugino. Auch Domenico Ghirlandaio verbrachte eine kurze Zeit in diesem Umfeld. Die Ausbildung folgte einem System, das sowohl technische Fertigkeiten im Guss als auch die zeichnerische Vorbereitung umfasste.
Stilentwicklung
Verrocchios künstlerische Entwicklung basiert auf der Tradition der Donatello-Schule. Er übernahm die Untersuchung des menschlichen Körpers und den Einsatz des Kontraposts. Dennoch strebte er eine eigenständige Annäherung an die antike Formensprache an. In seinen frühen Arbeiten zeigt sich ein starker Fokus auf die plastische Modellierung von Oberflächen.
Die Bronzeplastik bildet einen Schwerpunkt seines Schaffens. Das David (um 1465–70) demonstriert diese Tendenz. Im Bereich der Steinmetzkunst arbeitete er nach klassischen Vorbildern, wie das Lavabo in der Sagrestia Vecchia der Kirche San Lorenzo (1465) belegt. In seiner Spätphase verlagerte sich der Schwerpunkt auf die monumentale Bronzeplastik. Das Reiterstandbild Bartolomeo Colleoni zeigt eine gesteigerte Dynamik und eine psychologische Durchdringung des Dargestellten, was über die rein dekorative Funktion hinausgeht.
Hauptwerke
Die wichtigsten plastischen Arbeiten Verrocchios sind in den großen Museen Italiens aufbewahrt:
- David (Bronze, um 1465–70), Bargello, Florenz, Inv. 451. Das Werk zeigt eine Ähnlichkeit mit dem David Donatellos, weist jedoch eine andere anatomische Struktur auf.
- Christus und Thomas (Bronze, 1467–83), Orsanmichele, Florenz. Diese Gruppe ist ein Beispiel für die komplexe Komposition in der Bronzeplastik.
- Putto mit Delfin (Bronze, um 1470), Palazzo Vecchio, Florenz. Die Skulptur diente als Teil eines Atrium-Brunnens.
- Lavabo (Marmor, 1465), Sagrestia Vecchia, San Lorenzo, Florenz. Hierbei handelt es sich um eine architektonische Einbindung plastischer Elemente.
- Bartolomeo Colleoni (Bronze, 1481–88), Campo San Giovanni e Paolo, Venedig. Die Arbeit wurde nach Verrocchios Tod im Jahr 1496 von Alessandro Leopardi vollendet.
Werkstatt mit Leonardo da Vinci
Die Zusammenarbeit zwischen Verrocchio und Leonardo da Vinci ist ein zentraler Aspekt der Kunstgeschichte des Quattrocento. Leonardo trat ca. 1466 als Lehrling in die Werkstatt ein. Die gemeinsame Arbeit an Gemälden und Skulpturen prägte die stilistische Entwicklung beider Künstler.
Giorgio Vasari beschreibt in seinem Werk Le vite (1568, Vita Verrocchios) eine berühmte Anekdote zu dieser Zeit. Er berichtet, Verrocchio habe Leonardo den linken Engel im Gemälde Taufe Christi (Uffizien, ca. 1475) überlassen. Laut Vasari sei Verrocchio von der Qualität des Engels so beeindruckt gewesen, dass er die Malerei aufgegeben habe. Diese Erzählung ist als Legende einzustufen. Die kunsthistorische Realität zeigt, dass Verrocchio auch nach diesem Zeitpunkt weiterhin Gemälde ausführte.
Rezeption und Werkverzeichnis
Die wissenschaftliche Aufarbeitung von Verrocchios Werk hat sich in den letzten Jahrzehnten durch detaillierte Studien intensiviert. Während die frühere Forschung oft die Verbindung zu seinen Schülern betonte, konzentriert sich die moderne Analyse auf die eigenständige technische Leistung.
Andrew Butterfield liefert in The Sculptures of Andrea del Verrocchio (Yale, 1997) eine umfassende Untersuchung der plastischen Arbeiten. Er setzt sich kritisch mit den Zuschreibungen und den Werkstattproduktionen auseinander. Ein weiteres wichtiges Referenzwerk ist die Sammlung von Volker Krahn (Hg.): Von allen Seiten schön. Bronzen der Renaissance (Berlin, 1995), welche die technische Entwicklung des Bronzegusses im Kontext der Renaissance beleuchtet. Die Zuschreibung vieler Werkstattarbeiten bleibt ein komplexes Feld, da die Grenze zwischen Meisterhand und Schülersarbeit fließend war.
Das Reiterstandbild Bartolomeo Colleoni blieb nach dem Tod des Meisters 1488 ein unvollendetes Projekt. Alessandro Leopardi führte die Arbeiten an der Bronze aus und schloss das Monument 1496 ab.
Abbildungen
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Andrea del verrocchio, dama col mazzolino, 1475-80, 01, <a href="//commons.wikimedia.org/wiki/User:Sailko" title="User:Sailko">Francesco Bini</a>, 2014-03-28 11:54:59. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. -
Andrea del verrocchio, dama col mazzolino, 1475-80, 02, <a href="//commons.wikimedia.org/wiki/User:Sailko" title="User:Sailko">Francesco Bini</a>, 2014-03-28 11:55:09. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. -
Andrea del verrocchio, dama col mazzolino, 1475-80, 03, <a href="//commons.wikimedia.org/wiki/User:Sailko" title="User:Sailko">Francesco Bini</a>, 2014-03-28 11:55:22. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. -
Andrea del verrocchio, dama col mazzolino, 1475-80, 04, <a href="//commons.wikimedia.org/wiki/User:Sailko" title="User:Sailko">Francesco Bini</a>, 2014-03-28 11:53:41. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. -
Andrea del verrocchio, dama dal mazzolino, 1475 ca. (bargello) 01, <a href="//commons.wikimedia.org/wiki/User:Sailko" title="User:Sailko">Sailko</a>, 2019-03-08 21:27:44. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY 3.0. -
Andrea del verrocchio, dama dal mazzolino, 1475 ca. (bargello) 02, <a href="//commons.wikimedia.org/wiki/User:Sailko" title="User:Sailko">Sailko</a>, 2019-03-08 21:27:33. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY 3.0.