Die Karyatiden des Erechtheion
Sechs weibliche Figuren tragen das Gebälk der Süd-Halle, auch Korenhalle genannt, des Erechtheion auf der Athener Akropolis. Diese Skulpturen ersetzen die klassische Säulenordnung durch anthropomorphe Trägerelemente. Das Bauwerk selbst wurde zwischen 421 und 406 v. Chr. errichtet, um den Kulten der Athena Polias und des Poseidon gerecht zu werden. Die Figuren bestehen aus pentelischem Marmor. Jede Karyatide weist eine Höhe von ca. 2,30 m auf.
Auftrag und Datierung
Der Bau des Erechtheion erfolgte in der Zeit zwischen 421 und 406 v. Chr. während der späten klassischen Periode. Die Karyatiden bilden das architektonische Programm der Süd-Halle ab. Die genaue Werkstattzuordnung bleibt ein Forschungsgegenstand, wobei die Forschung eine Verbindung zum Umkreis des Alkamenes vermutet. Alkamenes war ein Schüler des Phidias und arbeitete an bedeutenden Projekten der Akropolis. Brunilde Sismondo Ridgway beschreibt in Fifth Century Styles in Greek Sculpture (Princeton 1981) die stilistischen Merkmale dieser Epoche, was eine Einordnung in den spätklassischen Stil stützt. Eine definitive Belegung der Werkstatt durch archivarische Quellen existiert nicht.
Beschreibung und Komposition
Die sechs Figuren fungieren als Standmotive für das darüberliegende Gebälk. Sie tragen schwere Peplos-Gewänder, welche die vertikale Linie betonen. Auf den Köpfen der Frauen ruht eine Polos-Kapitellbasis, die den Übergang zum Architrav bildet. Die Komposition nutzt ein System von spiegelsymmetrischen Paaren. Drei Figuren verlagern ihr Gewicht auf das rechte Bein, während die anderen drei den Kontrapost auf das linke Bein anwenden. Die Faltentracht der Gewänder ist tief gerillt. Diese Vertiefungen erfüllen eine doppelte Funktion: Sie dienen der optischen Ästhetik und wirken gleichzeitig wie die Kannelur einer klassischen Säule.
Restaurierungsgeschichte und Spaltung
Die Integrität des Ensembles wurde durch die Entnahmen durch Lord Elgin zwischen 1801 und 1812 zerstört. Eine der sechs Karyatiden gelangte nach London. Diese Figur befindet sich heute im British Museum unter der Inventarnummer Inv. 1816,0610.128. Die verbliebenen fünf Originale standen bis 1979 an ihrem ursprünglichen Standort am Erechtheion. Aufgrund von Schäden durch Smog und sauren Regen wurden sie in das Akropolismuseum überführt. Am ursprünglichen Bauwerk am Erechtheion stehen seit 1979 Repliken. Eine umfassende Restaurierung fand zwischen 2014 und 2015 statt. Eleni Aloupi-Siotis dokumentiert in ihrem Laser cleaning report (Acropolis Museum 2015) die Anwendung der Laser-Reinigung zur Entfernung von Krusten auf dem pentelischen Marmor.
Rezeption und Restitutionsstreit
Die Spaltung des Ensembles durch Lord Elgin ist ein zentraler Punkt der modernen Kunstgeschichte. Seit den 1980er Jahren fordert die griechische Regierung die Rückgabe der sechsten Karyatide aus dem British Museum. Bis zum Jahr 2026 konnte keine diplomatische Einigung erzielt werden. Hans-Volkmar Herrmann analysiert in Die Karyatiden vom Erechtheion (Berlin 1971) die kunsthistorische Bedeutung dieser Figuren und die Problematik ihrer Fragmentierung. Das Akropolismuseum zeigt die fünf erhaltenen Originale in einer speziellen Ausstellung. Dort bleibt ein leerer Platz für die fehlende Karyatide vorgesehen. Diese Leerstelle dient als visuelles Symbol für den andauernden Restitutionsstreit zwischen Griechenland und Großbritannien.
Abbildungen
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Anta and entablature of the Erechtheion, Twospoonfuls, 2022-11-25 09:20:14. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. -
Caryatids by William Birnie Rhind at West Ham Technical Institute, Diomedes1962, 2025-08-28. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. -
Salle des Cariatides in Paris-Louvre, Wilfredor, 29 January 2024, 10:42:48. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC0. -
Stipo di leonard van der vinne, 1664, Sailko, 2009-06-03 10:53:58. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY 3.0. -
West Ham Technical Institute 1900, Diomedes1962, 2025-08-28. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
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