Der Mosesbrunnen von Champmol

Der Mosesbrunnen ist ein monumentales spätgotisches Bildhauerwerk aus der Zeit um 1400. Er entstand für die Kartause von Champmol bei Dijon, welche als Grablege des burgundischen Herzogtums diente. Die Skulpturengruppe besteht aus einem sechseckigen Sockel mit lebensgroßen Prophetenfiguren. Das Material ist Kalkstein aus den Brüchen von Asnières und Tonnerre.

Der Brunnen wurde unter der Leitung von Claus Sluter geschaffen, wobei die Fertigstellung nach seinem Tod im Jahr 1405 durch seinen Neffen Jean de Werve erfolgte. Die Arbeiten erstreckten sich über den Zeitraum von 1395 bis etwa 1410. Das Ensemble bildete das Zentrum des großen Kreuzgangs der Kartause.

Auftrag und Datierung

Herzog Philipp der Kühne gab den Brunnen ab 1395 in Auftrag, weil er die religiöse Repräsentation seiner Dynastie in Champmol ausbauen wollte. Claus Sluter leitete die Werkstatt während der ersten Phase der Produktion von 1395 bis zu seinem Tod im Jahr 1405. Jean de Werve übernahm danach die künstlerische Leitung, sodass die Arbeiten bis ca. 1410 abgeschlossen wurden.

Der Auftrag war eng mit dem Bau des Kartäuserklosters verknüpft. Die Dokumentation der Arbeitsphasen stützt sich auf Henri David (Claus Sluter, Paris 1951). Die Datierung folgt diesem chronologischen Ablauf der Werkstattführung.

Der Mosesbrunnen von Champmol – Skulptur, Hauptansicht
Bildhuggarkonst, Mosesbrunnen i Dijon, Nordisk familjebok. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons.

Beschreibung und Komposition

Die architektonische Basis bildet ein sechseckiger Sockel. An jeder der sechs Seiten steht eine lebensgroße Prophetenfigur, wobei die Auswahl auf Moses, David, Jeremias, Sacharja, Daniel und Jesaja fiel. Diese Figuren halten Spruchbänder, welche alttestamentliche Prophezeiungen über den kommenden Messias enthalten.

Ursprünglich befand sich über diesem Sockel eine Kreuzigungsgruppe. Dieser Teil der Anlage ist heute fast vollständig verloren, wobei lediglich ein Christuskopf sowie einige Fragmente im Musée Archéologique de Dijon aufbewahrt werden. Der Brunnen wirkt daher in seiner heutigen Form unvollständig.

Die Komposition nutzt den Kontrapost und eine starke vertikale Ausrichtung. Die Propheten agieren als Standmotive innerhalb des Brunnenensembles. Sie bilden das Fundament für die nun fehlende christologische Krönung der Gruppe.

Stilbed Bedeutung — individualisierte Falten

Sluter brach mit der typisierten gotischen Tradition, indem er eine neue Form der Figuration entwickelte. Die Gewänder der Propheten fallen lebensecht und schwer auf den Körper, anstatt rein dekorative Muster zu bilden. Auch die Bärte sind individuell strukturiert, was den Charakter der Figuren stärkt.

Die Gestik der einzelnen Propheten ist sprechend. Diese psychologische Präsenz verleiht den Steinfiguren eine menschliche Schwere. Erwin Panofsky beschreibt diesen Wandel in seinem Werk Renaissance and Renascences in Western Art (1960) als den Beginn der nordländischen Individual-Skulptur.

Die plastische Ausarbeitung der Stofflichkeit ist hochgradig differenziert. Während die Faltenwürfe die Körperbewegung unterstützen, betonen sie gleichzeitig die Materialität des Steins. Dies unterscheidet Sluters Stil deutlich von den flächigeren Arbeiten seiner Zeitgenossen.

Polychromie und Vergoldung

Das Ensemble war ursprünglich vollständig polychromiert und vergoldet. Jean Malouel, der Hofmaler Philipps des Kühnen, führte im Jahr 1402 die Bemalung durch. Die farbliche Gestaltung diente der Steigerung der sakralen Wirkung innerhalb des Kreuzgangs.

Ein wichtiger Meilenstein der Forschung war die Entdeckung von Originalresten im Jahr 1947 durch Pierre Quarré. Diese Funde belegten die Existenz einer komplexen Farbigkeit. Die Polychromie war kein bloßes Beiwerk, sondern integraler Bestandteil des Konzepts.

Die Restaurierung zwischen 1990 und 2003 unter der Leitung von Sophie Jugie brachte weitere Pigmentreste ans Licht. Diese Untersuchungen machten den Brunnen zu einem der am besten dokumentierten polychromen Werke des Mittelalters. Die Farbschichten waren hochgradig spezialisiert.

Heutiger Zustand und Standort

Der Mosesbrunnen steht heute noch in situ in der ehemaligen Kartause von Champmol in Dijon. Das Gelände wird mittlerweile durch ein Klinikum genutzt, wobei der Bereich des Brunnens für die Öffentlichkeit zugänglich bleibt. Die Skulpturen sind vor Ort erhalten.

Die Erhaltung der Figuren wurde durch umfangreiche Maßnahmen gesichert. Eine Restaurierung unter Sophie Jugie fand zwischen 1990 und 2003 statt. In ihrem Werk La Chartreuse de Champmol (Dijon 1999) beschreibt sie die technischen Herausforderungen dieser Phase.

Pigment-Analysen aus dem Jahr 2002 bestätigten die Existenz der ursprünglichen Bemalung. Die Oberflächen wurden stabilisiert, um den Verfall des Kalksteins zu stoppen. Der Zustand ist heute stabil.

Abbildungen

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