Die Bildhauerei des Mittelalters
Die europäische Bildhauerei des Mittelalters umfasst einen Zeitraum von etwa 800 bis 1500. Sie ist untrennbar mit der Sakralarchitektur verbunden, da die plastische Form meist als Teil eines liturgischen oder baulichen Gesamtprogramms entstand. Während die frühmittelalterlichen Arbeiten oft auf kleinteilige, bewegliche Objekte beschränkten, entwickelte sich die Skulptur über die Jahrhunderte hinweg zu einer eigenständigen Gattung.
Die Produktion war eng an kirchliche Institutionen und herrschaftliche Auftraggeber gebunden. Hans Belting beschreibt in Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst (1990), dass das Bildwerk primär als Kultobjekt und nicht als autonomes Kunstwerk fungierte. Die räumliche Verortung erfolgte meist an Portalen, Kapitellen oder Altären.
Zeitraum und Phasen
Die Entwicklung beginnt mit der karolingischen Renaissance um 800–900, wobei Zentren wie Aachen und Lorsch die Formensprache prägten. Danach folgt die ottonische Epoche zwischen 950 und 1050, die sich durch monumentale Bronzegüsse in Hildesheim und Magdeburg auszeichnet.
Die Romanik umfasst den Zeitraum von etwa 1000 bis 1200. In dieser Phase ist die Skulptur meist als Bauplastik in die Architektur integriert, wie die Cluny-Schule oder die Werkstätten in der Provence zeigen. Die Hochgotik zwischen 1200 und 1300 markiert einen Wendepunkt durch die zunehmende Loslösung der Figur vom Steinblock. Die Spätgotik von 1300 bis 1450 führt zu einer Differenzierung in den Internationalen Stil, den Schönen Stil und die burgundische Pleurants-Tradition.
Material und Werkstattbedingungen
Stein bildet das primäre Material der mittelalterlichen Bildhauerei. Die Wahl fiel auf regional verfügbaren Sandstein oder Kalkstein. Bronze wurde für hochspezialisierte Aufgaben genutzt. Die Hildesheimer Tür um 1015 und die Augsburger Türen um 1050 belegen die technische Kapazität dieser Werkstätten. Holz diente vor allem der Herstellung von Kruzifixen, wie dem Gero-Kruzifix in Köln (um 970), oder Madonnenfiguren im Typus der Sedes Sapientiae.
Polychromie war Standard. Fast alle Skulpturen wurden farbig gefasst, um die Lesbarkeit der Figuren zu erhöhen. Viele Objekte erscheinen heute steinsichtig, weil die Farbschichten durch Witterung oder spätere Reinigungen verloren gingen.
Stilformen und Bildtypen
Die romanische Bauplastik ist als Teil des architektonischen Gefüges konzipiert. Typisch sind Tympanonprogramme, in denen Christus in der Mandorla mit apokalyptischer Symbolik erscheint. Die Gotik hingegen entwickelt neue Standmotive. Das Chartres-Westportal (um 1145–1155) zeigt die ersten freistehenden Säulenstatuen der Gotik. Diese Figuren weisen bereits individuelle Gesichtszüge auf.
In der Ikonografie wandelt sich der Madonnentypus. Während die frühromanische Sedes Sapientiae Maria als Thron für das Kind darstellt, zeigt die gotische Tradition Maria oft in einer stehenden, beweglicheren Haltung.
Hauptzentren — Romanik
In Burgund entstanden um 1100 bedeutende Cluny-Hauptkapitelle. In Italien konzentrierte sich die Arbeit auf die Pisaner Werkstatt, die etwa 1180 die Bronzetüren der Kathedrale von Pisa fertigte. Die Provence lieferte mit Saint-Trophime in Arles (1170–90) hoch entwickelte Reliefarbeiten.
Ein bedeutendes Beispiel ist die Lazare-Werkstatt in Autun. Dort signierte Gislebertus ein Relief der Eva um 1130. Auch das Tympanon der Magdalenenkirche in Vézelay (um 1130) gehört zu den zentralen Zeugnissen romanischer Bildhauerkunst.
Hauptzentren — Gotik
Die französische Gotik zeigt eine Steigerung der Plastizität. Neben dem Chartres-Westportal ist der Smiling Angel in Reims (um 1240) ein bekanntes Beispiel. Im Straßburger Südportal arbeitete die Werkstatt Sabine de Steinbach, die um 1230 signierte. Willibald Sauerlaender beschreibt in Gothic Sculpture in France 1140-1270 (1972) die Entwicklung der Formsprache in diesen Zentren.
In Deutschland ist der Bamberger Reiter aus den 1230er Jahren ein zentrales Monument. Die wichtigste hochgotische Werkstatt stellt der Naumburger Meister dar. Er schuf um 1250–60 die Naumburger Stifterfiguren, wobei 12 Stifterportraits dokumentiert sind. Wolfgang Wolters analysiert in Naumburger Meister (2010) die psychologische Tiefe dieser Arbeiten.
Italienische Zentren wie die Pisani-Werkstatt produzierten mit Nicola Pisano die Kanzel für das Pisaner Baptisterium (1260). In Burgund schuf Claus Sluter um 1395–1404 die Pleurants (Klagenden) für das Kloster Champmol.
Übergang zur Renaissance
Der Übergang zur Renaissance vollzieht sich durch unterschiedliche Wege. Die spätgotische Direktbearbeitung führte bereits zu einer starken individuellen Charakterdarstellung, wie sie bei den Naumburger Stifterfiguren vorliegt. In der Toskana orientierte sich die Pisani-Werkstatt unter Nicola Pisano an antiken Sarkophagen.
Niccolò dell'Arca in Bologna (ca. 1462–94) gilt als unmittelbarer Vorbote der Renaissance. In Florenz bereiteten die Werkstätten von Lorenzo Ghiberti, der die Bronzetüren des Baptisteriums zwischen 1403 und 1424 fertigte, den Weg für Donatello. Erwin Panofsky untersucht in Tomb Sculpture (1964) diese stilistischen Verschiebungen im Kontext der Grabplastik.
Eine Restaurierung am Naumburger Dom im Jahr 1997 sicherte die Oberflächen der Stifterfiguren gegen mechanische Abnutzung.
Abbildungen
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Geschichte der Baukunst und Bildhauerei des Mittelalters in Venedig 1859 (139148740), <div class="fn value"> Oscar Mothes</div>. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, -
Geschichte der Baukunst und Bildhauerei des Mittelalters in Venedig 1859 (139148800), <div class="fn value"> Oscar Mothes</div>. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, -
Geschichte der Baukunst und Bildhauerei des Mittelalters in Venedig 1859 (139148816), <div class="fn value"> Oscar Mothes</div>. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, -
Geschichte der Baukunst und Bildhauerei des Mittelalters in Venedig 1859 (139148823), <div class="fn value"> Oscar Mothes</div>. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, -
Geschichte der Baukunst und Bildhauerei des Mittelalters in Venedig 1859 (139148826), <div class="fn value"> Oscar Mothes</div>. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, -
Geschichte der Baukunst und Bildhauerei des Mittelalters in Venedig 1859 (139148829), <div class="fn value"> Oscar Mothes</div>. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons,