Veit Stoss

Veit Stoss war ein bedeutender Bildhauer der Spätgotik, dessen Wirken die Zentren Nürnberg und Krakau verband. Er schuf monumentale Schnitzwerke aus Lindenholz, die durch eine expressive Formensprache und komplexe Polychromie charakterisiert sind. Sein Lebensweg verlief zwischen dem Reich und dem Königreich Polen, wobei er zwischen 1477 und 1496 in Krakau tätig war. Die Datierung seiner Werke stützt sich primär auf archivalische Belege sowie die kunsthistorische Analyse der Formensprache.

Lebenslauf

Die Geburtsdaten von Veit Stoss sind nicht exakt dokumentiert. Er wurde um 1447 geboren, wobei die Forschung zwischen Horb am Neckar und Nürnberg als Geburtsort schwankt. Seine frühe Werkstattzeit in Nürnberg erstreckte sich von etwa 1465 bis 1477. Im Jahr 1477 wanderte er nach Krakau aus, weil er dort den prestigeträchtigen Auftrag für den Marienaltar der St.-Marien-Kirche erhielt. Er blieb zwölf Jahre in Polen. Die Rückkehr nach Nürnberg erfolgte im Jahr 1496. Ein schwerer rechtlicher Konflikt erschütterte seine Existenz im Jahr 1503. Stoss wurde wegen Urkundenfälschung verurteilt, nachdem er versucht hatte, sein Vermögen durch gefälschte Dokumente zurückzufordern. Das Gericht ordnete die Brandmarkung beider Wangen mit glühenden Eisen an. Er floh aus der Stadt. Erst 1506 kehrte er nach Nürnberg zurück, da Kaiser Maximilian I. ihn begnadigte. Stoss starb im Jahr 1533 in Nürnberg.

Skulptur von Veit Stoss
Corpus Christi, by Veit Stoss (Getty 109Q0H), Veit Stoss. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC0.

Werkstatt

In Krakau betrieb Stoss zwischen 1477 und 1496 eine Werkstatt am dortigen Marktplatz. Er führte diesen Betrieb als Familienunternehmen, wobei seine Söhne Stanislaus, Andreas und Martin Stoss als Mitwirkende fungierten. Die Werkstatt produzierte großformatige Altarretabel. Nach seiner Rückkehr nach Nürnberg siedelte er seine Produktion in der Vicinität der Lorenzkirche an. Er bevorzugte Lindenholz für seine Schnitzarbeiten. Gelegentlich verwendete er Sandstein für plastische Elemente. Die Qualität der Ausführung blieb trotz der sozialen Instabilität hoch.

Hauptwerk Krakau

Das bedeutendste Werk der Krakauer Zeit ist der Olbrycht-Altar (Marienaltar) in der Marienkirche Krakau. Die Entstehungszeit liegt zwischen 1477 und 1489. Es handelt sich um einen Klappaltar mit einer Gesamthöhe von 13 m. Das Material ist polychromiertes und vergoldetes Lindenholz. Der Altar umfasst zwölf große Schauseiten. Die Mittelszene zeigt den Tod und die Aufnahme Marias in den Himmel. Die Stadt Krakau war die Auftraggeberin. Die Bezahlung belief sich auf 2.808 Gulden. Diese Summe war extrem hoch, weil sie etwa das Doppelte des durchschnittlichen Jahresetats der Stadt entsprach. Joachim Bahlcke (Hg.): Veit Stoss in Krakau, Wiesbaden 2014, beschreibt die ikonografische Komplexität dieses Retabels ausführlich.

Nürnberger Hauptwerke

In Nürnberg schuf Stoss den Engelsgruss für die Lorenzkirche zwischen 1517 und 1518. Das Werk besteht aus polychromiertem Lindenholz. Es hat einen Durchmesser von ca. 3,7 m. Die Skulptur hängt von der Decke. Ein weiteres wichtiges Objekt ist sein spätes Selbstporträt aus den Jahren 1500–1505, welches als Schnitzwerk-Plakette vorliegt. Im Nuernberger Stadtmuseum befindet sich zudem eine Krippe. Diese Arbeiten zeigen die spätgotische Formsprache in ihrer Reife.

Urkundenfälschung 1503 und sozialer Sturz

Der soziale Abstieg von Veit Stoss war das Resultat eines finanziellen Rechtsstreits. Er hatte sein Vermögen vor der Auswanderung nach Krakau seinem Geschäftspartner Jakob Banner anvertraut. Nach der Rückkehr 1496 kam es zu heftigen Auseinandersetzungen über die Rückzahlung dieser Mittel. Im Jahr 1503 fertigte Stoss eine gefälschte Urkunde an, um die Rückgewinnung des Geldes zu erzwingen. Das Gericht reagierte mit einer außergewöhnlich harten Strafe. Die Verurteilung beinhaltete die Brandmarkung beider Wangen durch glühende Eisen. Laut den Acta Stoss 1503-1505 aus dem Stadtarchiv Nürnberg war dies ein Akt der öffentlichen Schande. Er floh vor der Strafe. Erst die kaiserliche Begnadigung durch Maximilian I. ermöglichte seine Rückkehr im Jahr 1506. Trotz der Begnadigung blieb sein sozialer Status dauerhaft geschädigt. Seine Spätwerke, wie der Engelsgruss, wurden anonym bezahlt, während frühere Aufträge oft öffentlich dokumentiert waren.

Rezeption und Werkverzeichnis

Die wissenschaftliche Aufarbeitung des Œuvres begann maßgeblich im 20. Jahrhundert. Friedrich Schreiber-Kuhn lieferte mit Veit Stoss, Nürnberg 1962, ein modernes Standardwerk zur Einordnung seiner Arbeiten. Der Marienaltar in Krakau durchlief bewegte Zeiten. Während des Zweiten Weltkriegs erfolgte eine Kriegsversteckung zwischen 1933 und 1946 in deutschen Salzbergwerken. Nach dem Krieg wurde das Werk 1957 nach Krakau zurückgegeben. Weitere Restaurierungen fanden in den Jahren 1996–2000 statt. Der Engelsgruss in Nürnberg wurde 1976 unter der Leitung von Reinhard Helbig restauriert. Die Erhaltung der Polychromie bleibt ein zentrales Thema der Konservierung.

Abbildungen

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