Die romanische Skulptur

Die romanische Skulptur umfasst den Zeitraum von etwa 1000 bis 1200, wobei die Spätromanik bis circa 1240 reicht. Sie ist untrennbar mit der monumentalen Steinarchitektur der Kirchenbauten verbunden. In dieser Epoche entwickelt sich die plastische Form aus der flächigen Ornamentik zu komplexen narrativen Programmen. Die Skulptur dient primär der religiösen Vermittlung innerhalb des sakralen Raums.

Die Bildhauerei dieser Zeit ist stark durch die klösterlichen Zentren geprägt. Während die frühe Phase noch stark von ottonischen und burgundischen Traditionen beeinflusst bleibt, entfalten sich in der Hochromanik großangelegte Programme an den Portalen. Die Skulptur agiert als visuelle Theologie.

Zeitraum und Phasen

Die Entwicklung lässt sich in drei wesentliche Abschnitte unterteilen. Die Frühromanik (1000–1080) zeigt eine eher zurückhaltende Bauplastik, weil die plastische Ausformung noch eng an die architektonische Struktur gebunden bleibt. Diese Phase folgt der ottonisch-burgundischen Tradition. Danach folgt die Hochromanik (1080–1180). In dieser Zeit entstehen die voll entfalteten Tympanon-Programme, die maßgeblich durch die Cluny-Tradition geprägt wurden.

Die Spätromanik (1180–1240) bildet den letzten Abschnitt. Hier zeigt sich eine zunehmend individualisierte Darstellung der Figuren. Dieser Stil bereitet den Übergang zur Gotik vor.

Skulptur aus der Epoche Die romanische Skulptur
Barton-le-Street Church (1), Storye book, 2016-10-08. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY 4.0.

Material und Werkstattbedingungen

Das Hauptmaterial ist lokaler Stein. In Burgund wurde Kalkstein verwendet, während im Languedoc rosa Sandstein zum Einsatz kam. Die Provence nutzte Marmor und Sandstein für ihre Monumente. Polychromie war der Standard. Alle Skulpturen waren bemalt, obwohl die Farbschichten heute meist verwittert sind.

Bronze findet Anwendung in spezialisierten Werkstätten. Die Hildesheimer Bronzetüren entstanden um 1015, während die Augsburger Türen etwa um 1050 datiert werden. Holz dient vor allem der Herstellung von Kruzifixen. Das Gero-Kruzifix in Köln stammt aus der Zeit um 970. Wanderwerkstätten waren üblich. Bildhauer reisten von Baustelle zu Baustelle, sodass lokale Stile durch den Austausch von Handwerkern verschmolzen.

Hauptzentren — Frankreich

Das Kloster Cluny fungierte als das bedeutendste Zentrum. Seine Tochterhäuser verbreiteten die künstlerischen Formen in ganz Europa. Ein zentraler Ort ist Vézelay mit der Kirche Sainte-Madeleine. Das dortige Tympanon um 1130 zeigt das Pfingstwunder.

In Autun befindet sich die Kathedrale Saint-Lazare. Das Tympanon des Jüngsten Gerichts datiert auf um 1130. Es trägt die Signatur Gislebertus hoc fecit. Dies ist eines der wenigen erhaltenen Bildhauer-Self-Signa der Romanik. Moissac bietet mit dem Südportal der Kirche Saint-Pierre ein wichtiges Beispiel aus der Zeit um 1115. In der Provence ist die Kirche Saint-Trophime in Arles zwischen 1170 und 1190 hervorzuheben.

Hauptzentren — Italien und Deutschland

Italienische Zentren sind Pisa, Lucca und Modena. Bonanno Pisano schuf die Pisaner Bronzetüren für die Kathedrale in den 1180er Jahren. In Modena arbeitet Wiligelmus an den Reliefs der Kathedrale, die etwa um 1099 entstanden sind.

Deutschland zeigt eine starke Tradition im Metallguss. Die Bernward-Türen in Hildesheim wurden 1015 aus Bronze gegossen. Sie gelten als eines der ersten figurenreichen Bronze-Werke des Mittelalters. In Sachsen-Anhalt finden sich Vorläufer der späteren Naumburger Meisterleistung.

Ikonografische Programme

Das Tympanon ist der zentrale Bildträger. Dieses Bogenfeld über dem Portal dient der Vermittlung zentraler Dogmen. Die Maiestas Domini (Christus in der Mandorla mit apokalyptischer Symbolik) dominiert viele Portale. Weitere Themen sind das Pfingstwunder in Vézelay oder das Jüngste Gericht in Autun.

Säulenkapitelle zeigen biblische Szenen, Tugend-Laster-Allegorien oder Elemente aus dem Bestiarium. Apokalypse-Bilder sind allgegenwärtig. Die christliche Welt erwartete vor dem Jahr 1000 das Ende der Zeit, was die Bildsprache nachhaltig prägte. Hans Belting beschreibt in Bild und Kult (München 1990) die Funktion dieser Bilder als Kultobjekte.

Übergang zur Gotik

Die spätromanische Skulptur wird ab 1180 lebensechter. Die Figuren lösen sich allmählich von der Wandfläche. Ein entscheidender Punkt ist das Westportal der Kathedrale von Chartres (1145–1155). Dort finden sich Säulenstatuen mit individuellen Gesichtsausdrücken, die den Beginn der Gotik markieren.

Die Bamberger Skulptur-Tradition der 1230er Jahre bleibt ein Forschungsgegenstand. Die Einordnung zwischen Spätromanik und Frühgotik ist hier komplex. Willibald Sauerländer stellt in Romanesque Sculpture. The Revival of European Sculpture (1972) die Kontinuitäten dieser Entwicklung dar. Linda Seidel analysiert in Songs of Glory. The Romanesque Façades of Aquitaine (Chicago 1981) die spezifischen Fassadenprogramme der Aquitaine. Eine Restaurierung des Autun-Tympanons im 20. Jahrhundert sicherte die Lesbarkeit der Gislebertus-Signatur.

Abbildungen

  • Skulptur aus der Epoche Die romanische Skulptur
    Barton-le-Street Church (1), Storye book, 2016-10-08. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY 4.0.
  • Skulptur aus der Epoche Die romanische Skulptur
    Aigle - Musée du Louvre Sculptures RF 2026, Shonagon, 2023-04-18. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC0.
  • Skulptur aus der Epoche Die romanische Skulptur
    Barton-le-Street Church (122), Storye book, 2016-10-08. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY 4.0.
  • Skulptur aus der Epoche Die romanische Skulptur
    Chapiteau Annonce aux bergers (Louvre, RF 1607), Tangopaso, 2022-05-02. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons,
  • Skulptur aus der Epoche Die romanische Skulptur
    Barton-le-Street Church (123), Storye book, 2016-10-08. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY 4.0.
  • Skulptur aus der Epoche Die romanische Skulptur
    Chapiteau David contre Goliath (Louvre, RF 1849), Tangopaso, 2022-05-02. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons,
  • Skulptur aus der Epoche Die romanische Skulptur
    Barton-le-Street Church (134), Storye book, 2016-10-08. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY 4.0.
  • Skulptur aus der Epoche Die romanische Skulptur
    Chapiteau Sacrifice d'Isaac (Louvre, RF 1848), Tangopaso, 2022-05-02. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons,
  • Skulptur aus der Epoche Die romanische Skulptur
    Barton-le-Street Church (135), Storye book, 2016-10-08. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY 4.0.
  • Skulptur aus der Epoche Die romanische Skulptur
    Chapiteau d'angle décoré de rinceaux s'échappant de la bouche d'un masque - Musée du Louvre Sculptures RF 2953, Shonagon, 2023-04-18. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC0.
  • Skulptur aus der Epoche Die romanische Skulptur
    Barton-le-Street Church (136), Storye book, 2016-10-08. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons, CC BY 4.0.
  • Skulptur aus der Epoche Die romanische Skulptur
    Chapiteau double (Louvre, RFML.SC.2018.33) 1, Tangopaso, 2022-05-02. Wikimedia Commons. Wikimedia Commons,

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